Niemand muß dich extra zwingen wenn du selber mitmachst haben wir es mit einem solchen Konditionalsatz oder Bedingungssatz zu tun. Es wird eine Kondition oder Bedingung formuliert und dazu eine entsprechende Konsequenz:
Wenn du selber mitmachst, dann mußt du nicht gezwungen werden. Umgedreht: Wenn du nicht von selbst mitmachst, sieht das schon ganz anders aus. Es geht also um die Internalisierung von Herrschaft, nicht um ihr Verschwinden. Die kapitalistischen Spielregeln werden verinnerlicht und deshalb muß ihre Einhaltung seltener oder weniger gewaltsam erzwungen werden. Bei aller Rede von einer “Multitude widerständiger Praxen” o.ä. sehe ich im Alltag höchstens gewisse Neigungen zum Regelbruch oder Sympathien dafür - das setzt aber meist die Anerkennung der jeweiligen Regel voraus, gilt nicht, wenn “Schmarotzer” von oben oder unten die Regeln brechen, und ist außerdem Teil des Systems. Kapitalistischer Wettbewerb basiert u.a. auf regelverletzender Selbstbevorteilung, mit der man hofft durchzukommen (weil andere davon auch zu profitieren meinen, weil sie’s nicht merken, weil man irgendwann genug Geld und Macht akkumuliert hat, um drohen zu können…) Für den zweiten Refrain
Niemand muß dich extra täuschen wenn du dich selber so gut täuschst gilt Ähnliches wie für den ersten. Noch mal deutlicher in Bedingung und Konsequenz getrennt:
Wenn du dich selbst so gründlich täuschst wie in der Strophe beschrieben, dann ist weitere Täuschung praktisch überflüssig. Was nicht heißt, daß es sie nicht trotzdem gibt. Aber wenn du dir kontinuierlich z.B. einredest, die Verlierer hätten’s nicht anders verdient und deine Nation sei die tollste, braucht dir das kein anderer mehr einzureden. Etwas schwieriger ist es mit der Einleitungs-Zeilen:
Niemand täuscht dich so gut wie du selbst dich täuschst über den Tausch Hier haben wir es mit einer Komparation zu tun, einem Vergleich also, jedoch mit einer Sonderform. Da ich ja nicht positiv formuliert habe (”Du täuschst dich besser als alle anderen dich täuschen”), fehlt das gesteigerte Adjektiv bzw. Adverb (gut -> besser), also der Komparativ. Stattdessen wird ein adverbialer Äquativ (”so gut wie”) durch personale Verneinung (”niemand”) in einen Vergleichssatz verwandelt. Wie gut oder gründlich jemand sich selbst täuscht, wird damit verglichen, wie gut oder gründlich andere ihn täuschen. Die Selbsttäuschung wird für gründlicher als die Fremdtäuschung befunden. Was wieder nicht heißt, daß es keine Fremdtäuschung gäbe. Was du dir selbst vormachst, was du dir selbst einredest, scheint mir nur erheblich wirksamer zu sein als jede Propaganda aus staatlichen Kanälen. Eine andere Frage ist, ob der Song - mit oder ohne Mißverständnisse - deswegen “pretty peinlich” oder streberisch ist oder auch, ob wir damit “niemanden erreichen” konnten. Dazu hat die Grammatik nichts zu sagen. Aber wo wir gerade dabei sind: Das häufige Mißverständnis in Bezug auf den Untertitel der Entschwörungstheorie, “Niemand regiert die Welt“, ist auch nur bedingt grammatischer Natur. Höchstens ließe sich sagen, daß hier häufig eine Passivkonstruktion mitgedacht wird, die einen ganz anderen Sinn ergibt: Die Welt wird nicht regiert. Ansonsten scheint es eher, als würden manche nur die erste Hälfte der Zeile lesen, “Niemand regiert”, und dann denken, der Kulla leugnet Herrschaft und hält den gegenwärtigen Kapitalismus für eine komplett herrschaftsfreie Selbststeuerung der Warensubjekte. Der Untertitel dreht ja lediglich die Kernaussage der meisten Verschwörungsideologien um, daß diese oder jene Person oder Gruppe die Welt regiert. Dem wird die Banalität entgegengehalten, daß niemand die ganze Welt regieren kann, was auch nicht heißt, daß es niemand versuchen würde. Wie oben schon beschrieben, sehe ich heutige Herrschaft in viel größerem Maß als verinnerlicht denn als aufgezwungen an (vgl. dazu mein Posting über Peter Kleins Buch zu 1917), doch ist verinnerlichte Herrschaft eben keine Herrschaftsfreiheit. Wenn sich alle selbst und gegenseitig beherrschen, ist davon die Herrschaft ja nicht aus der Welt. Auch wenn mich morgens nicht die Polizei zur Arbeit prügelt, gehe ich trotzdem ein Mehrprodukt erarbeiten, das sich andere aneignen, und halte damit die Scheiße am Laufen. Und daran ändert sich nichts Grundlegendes, weil ich das nur ein paar Monate im Jahr mache und mich auch meistens nicht sonderlich krumm mache dabei. Kollegin: “Du machst aber viel Pause.” Ich: “Ich arbeite ja auch nicht so viel.” Eher hoffe ich, daß ich es in der übrigen Zeit (und wenn auf Arbeit keiner guckt) schaffe, das eine oder andere zu tun und zu sagen, das wenigstens grob in die Richtung zielt, in der es irgendwann mal anders sein könnte. Ob’s wirklich was bringt, weeßsch ar o ni.


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