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Nachruf auf Eugen Gabowitsch

>>Die größte Fälschung in der Geschichte der Menschheit ist die Geschichte der Menschheit.< < (zit. nach Wikipedia)

Eugen Gabowitsch Евгений Габович * Eugen Gabowitsch * Eino Gabovitš (Tartu, 30.8.1938 – Potsdam, 21.1.2009) Am 21. Januar verstarb Eugen Gabowitsch, erbitterter und zugleich wohl witzigster Gegner der Geschichtsschreibung. Trotz eines Krebsleidens versuchte er bis zuletzt unermüdlich, seine fundamentalen Zweifel an der Geschichte zu verbreiten, die es dennoch leider kaum aus dem Kreis von Esoterikern und Geschichtsrevisionisten herausschafften, welche sein Anliegen chronisch mit den ihren verwechselten. Ist die Rede davon, daß die Geschichte womöglich kürzer sei als allgemein angenommen, denken die meisten nicht an Gabowitsch, sondern an Heribert Illig. Dessen eifersüchtig bewachte These, die Geschichte sei genau 297 Jahre kürzer als aufgezeichnet, inspirierte mit Sicherheit so manche gründlicheren Zweifel an der Geschichtsschreibung. Illigs Auftreten und das Festhalten am enggefaßten Konzept sorgten jedoch viel mehr dafür, daß es den übellaunigen Verteidigern des akademischen Geschichtsbildes leicht wurde, ihn fies zu belächeln und beiseite zu schieben, ohne daß den aufgeworfenen Fragen weiter nachgegangen werden mußte. Wer genauer hinsah, konnte auch bei Illig Fragen finden, die eigentlich tiefer zielten als auf die Historizität eines bestimmten Zeitraums. Er fragte, warum die Archäologie nur Hilfswissenschaft der Geschichte ist; warum mit vordatierten Urkunden Funde datiert werden und erst im dritten Schritt eine passende Meßdatierung dazu aus dem Labor bestellt wird; und er kratzte hier und da bereits an Fragen der Geschichtspolitik. Das alles wirkt jedoch geradezu vorsichtig, behäbig, wenn man so will: reformistisch, angesichts dessen, was ab Mitte der 90er Jahre als “russische Schule” bekannt wurde (andere Bezeichnungen: “Neue Chronologie”, “Chronologiekritik”, “Geschichtsanalytik”) und in letzter Konsequenz den größten Teil der Geschichte vor 1582 für erfunden, gefälscht, verfremdet, umgedichtet, vor allem für umdatiert hält. (In einem Satz gesagt: Früher war alles älter.) Diese lose verbundene Strömung von Mathematikern, Technikhistorikern und Grenzwissenschaftlern, der sich Gabowitsch zurechnete und mit der er ausgiebig korrespondierte, sah die Geschichtswissenschaft in Bringschuld, sie akzeptierte nicht, mit welch geringer Belegdichte ganze Epochen, ganze Dynastien und Imperien ihren Platz in der Geschichte behaupten können. Indem sie darauf bestanden, daß es vor der Gregorianischen Kalenderreform und der Synchronisierung der wichtigsten Datierungssysteme durch Scaliger keine einheitliche Chronologie gab, indem sie also den zeitlichen Rahmen der Geschichte für variabel erklärten, entwerteten sie einen Grundgedanken der Geschichtsschreibung: daß in jeder chronologisch erfaßten Zeit ja schließlich irgendwas passiert sein müßte. >>Aber mit großer Wahrscheinlichkeit kennzeichneten auch seine Erben noch ihre Schwerter mit dem Namen – sonst wäre er an die 300 Jahre alt geworden.< < (Spiegel) Ich kann nicht entscheiden, inwiefern die Schlußfolgerungen aus dieser Kritik an Chronologie und Geschichtsschreibung zutreffen. Ebenso wenig kann ich sicher sein, ob die wissenschaftlichen Datierungsmethoden (C14, Dendrochonologie) die wohl die am schwersten wiegenden Gegenargumente liefern, so zuverlässig sind, wie sie für die ihnen zugeschriebene Beweiskraft sein müßten. Was ich weiß, ist, wie es auf mich gewirkt hat und immer noch wirkt, die Geschichte aus dieser kritischen Perspektive zu betrachten: ihre Rolle als Legitimationsmittel für spätere, heutige Politik wird deutlicher und unerträglich; viele ihrer Sachwalter, die Historiker, werden erkennbar als skeptisch im Gestus, doch als Gläubige im Kern, die an der Faktizität von Erzählungen und Personen, die ihnen wichtig sind, festhalten wollen. Ich gebe zu, daß mir die kürzere Geschichte aber auch einfach besser gefiele. (Vor füng Jahren schrieb ich dazu: “Unseren Lebenstandard hätten wir vielleicht auch ohne die Helden, die Ausbeutung und Schlächtereien erlangt, nicht jedoch ohne die, die Tausend Jahre lang gebastelt, erfunden und sich umeinander gekümmert haben.”) Gabowitsch veranstaltete erst in Karlsruhe, dann in Potsdam und Berlin, zuletzt in Neu Fahrland Salons und Tagungen, bei denen es neben Vorträgen über chronologiekritische Themen im engeren Sinn auch jede Menge Beiträge zu hören gab, die in einem weiteren Rahmen geschichtskritisch funktionieren, so etwa die alternative Koranlektüre von Lüling und Luxenberg oder die kritische Darstellung der Zusammenhänge zwischen Kolonialismus, Geschichtsproduktion und dem Konzept der indogermanischen/arischen Rasse. In den Diskussionen ging es z.B. um den amerikanischen Historiker und Renaissance-Spezialisten Anthony Grafton, der fürs 15. Jahrhundert eine rege “Geschichtsproduktion” durch rivalisierende “Fälscher und Kritiker” nachwies und der streckenweise so chronologiekritisch argumentiert, daß man ihn fast für ein U-Boot im Universitätsbetrieb halten könnte. Ich besuchte Gabowitsch - viel zu selten - in seinem Haus in Neu Fahrland und trug selbst dreimal in seinem Geschichtssalon vor. Einmal zum Thema “Nationale Geschichtsschreibung”, also über die Völker- und Staatenkonkurrenz in der Länge und Pracht der Geschichte, über Geschichte als kollektives Bewerbungsschreiben (”Meine Geschichte ist länger als deine Geschichte“), wozu ich den Begleittext “Geschichte ist keine Ausrede” verfaßte; zweimal zum Thema Verschwörungstheorien. Der Vortrag, der auf meinem Buch “Entschwörungstheorie” basierte, war von Gabowitsch ausdrücklich dazu gedacht, die Antisemiten und Verschwörungsideologen in seinem Publikum loszuwerden. Das klappte: in der Diskussion outete sich einer der Zuhörer nur leicht codiert als Antisemit und kam nie wieder; der Chefredakteur des “Nexus”-Magazins sprang auf, schrie Verschiedenes über die Weltrettung und stürmte hinaus. Wenige Wochen später sprach Gabowitsch selbst zum Thema “Jüdische Geschichtsschreibung”. Einige Antisemiten kamen noch, wohl in der Hoffnung auf Enthüllungen, daß die jüdische Geschichte noch falscher sei als alle anderen. Gabowitsch jedoch ging nur am Rand auf einige geschichtskritische Theorien ein, redete stattdessen fast zwei Stunden über Antisemitismus, über Pogrome und Verfolgung, erzählte mit tiefschwarze jüdische Witze. So verprellte er die Antisemiten restlos.

Eugen Gabowitsch

Warum waren sie überhaupt da? Die Chronologiekritik wurzelt zu Teilen im Katastrophismus, an dessen Entwicklung wiederum Hanns Hörbiger, der Begründer der in esoterischen Kreisen verbreiteten und von den Nazis geförderten “Welteislehre”, im 20. Jahrhundert einen wesentlichen Anteil hatte. Neben dieser Traditionslinie dürfte auch die begriffliche Nähe der Chronologiekritik zum Geschichtsrevisionismus eine Rolle spielen: die Kenntnis von der Fälschbarkeit der Geschichte kann benutzt werden, um von kollektiven Verbrechen abzulenken oder sie anderen zuzuschreiben. (Diese Verbindungen etwas ausführlicher.) Vor knapp zwei Jahren trug ich nochmals genauer über den Zusammenhang von “Geschichte und Verschwörung” vor: “Wenn wir uns nicht vorstellen können, daß der industrielle Massenmord an den Juden vollzogen wurde, heißt das nichts in bezug auf dessen Realität. Die Herausforderung einer kritischen Geschichtsbetrachtung besteht gerade darin, solche aktenkundigen Singularitäten auszuhalten und sie nicht im Dienste einer bestimmten Geschichtsphilosophie auszubügeln.” Bei der Gelegenheit zeigte sich Gabowitsch unzufrieden damit, wie wenig seine Kritik sich bisher verbreitet habe; er stellte Überlegungen an, ob sich das Thema nicht popularisieren ließe, indem man es zum Gegenstand von Filmen oder Romanen machen würde. In meinem Vortrag hatte ich Stellen aus Umberto Ecos “Baudolino” zitiert, der - wie absichtlich auch immer - chronologiekritische Inhalte transportiert. Für mich waren Gabowitschs Überlegungen die entscheidende Anregung, mit meinem Buchprojekt “Going back to Ephesos” Ernst zu machen - auch wenn er die Fertigstellung nun leider nicht mehr miterleben kann. Mithilfe einer fiktiven Person, die im 15. Jahrhundert die erste Hauptphase der Geschichtsproduktion miterlebt haben müßte, und die nur im Dialog mit Vertretern der bereits verlängerten Geschichte dargestellt wird, lege ich mich in dem Buch nicht fest, mache die kürzere Geschichte aber denkbar und kann noch mancherlei über die psychedelische Vorgeschichte des Kapitalismus unterheben. (Zum Buch: Leseprobe und Projektgeschichte) Gabowitsch war ein ernster Narr, seine Sache war serious fun: er hat mich zum Lachen gebracht, weil es ihm ernst war, ich hatte das Gefühl, ihn am besten zu verstehen, wenn Ernst und Humor auf diese Weise zusammenfielen. Er war kein Eiferer, es war ihm nur wichtig; er wollte nicht unbedingt Recht behalten, es ging darum, was stimmt und was nicht; er wollte lieber Fragen stellen, statt sich vorschnell zu Antworten provozieren zu lassen - wie es leider immer wieder passierte. Gerade der bekannteste russische Vertreter der Chronologiekritik, Anatoli Fomenko, war erst bekannt geworden, nachdem er seine Kritik um einen spekulativen positiven Gegenentwurf ergänzte, in dem Rußland so viel besser dastand als in der herkömmlichen Geschichte, daß Fomenko zum Posterboy der Nationalbolschewisten wurde. Solchen Fallen versuchte Gabowitsch auszuweichen. Ihm war bewußt, “daß Kritik ohne Gegenentwurf nicht akzeptiert werde, daß im Grunde eine Festlegung auf eine ‘eigentlich richtige Geschichte’ verlangt werde, für deren Mängel man dann gescholten werden könnte oder an die wiederum geglaubt werden könnte. Ebenso würde zu oft das bloße Aufgreifen eines Themas mit einer positiven Parteinahme gleichgesetzt, wodurch die recht quellenpluralistische Geschichtskritik in der Schmuddelecke stecken bliebe.” Er verwies aber auch darauf, daß Fomenko vor seinem nationalistischen Turn 25 Jahre lang ignoriert worden war. Im Umfeld der Chronologiekritik tummeln sich nicht zuletzt deshalb so viele Ideologen verschiedener Richtungen, weil die Geschichtswissenschaften die Entwicklung völlig ignorieren, bestenfalls die Protagonisten mit Beleidigungen überziehen. Gabowitsch bestand darauf, daß sich die Historiker zunächst an die eigene Nase fassen sollten. Wer Homer und Alexander den Großen zu Geschichte erklärt, darf sich über das Echo in Form von Atlantis nicht wundern. Gabowitsch faßte Geschichte als menschliche Tätigkeit, die die Vergangenheit betrifft. Er sprach sich für eine Vergangenheitslehre aus und lud zu deren Mitgestaltung in sein Internetforum “Geschichte und Chronologie” ein. (Gäb’s das nicht schon, könnten wir wir sie Retrologie nennen.)

Vorgeschichte hinterfragt

>>Der Verstorbene wünschte sich einen Abschied und eine Beisetzung ohne religiöse Symbole sowie eine möglichst heitere Trauerfeier.< < (aus der Einladung) Noch ein Wörtchen an dich, Tod. Du hältst dich ja vielleicht für unangreifbar, weil so viele blöderweise glauben, du wärst erst der Anfang, der Eingang zu einem besseren Ort usw. Aber ich sag dir was: Ich für meinen Teil kann dich nicht leiden, deine Fresse gefällt mir nicht. Warum ist Wau tot, warum Gerriet, warum meine beiden Omas? Und warum jetzt Eugen Gabowitsch? Wozu soll das gut sein? Und dein Stündchen wird schlagen, Tod. Je mehr Leute dieses Leben und diese Welt wirklich wollen und beides endlich angemessen einrichten, desto weniger werden sie sich einreden lassen, Gutes müßte knapp sein, gute Zeiten kurz und das Glück, wie Freud es ausdrückte, episodisch. Warum denn aufhören, wenn's am schönsten ist? Warum auch nur dann aufhören, wenn es noch schön werden könnte? (Und komm bitte nicht mit dem Taschenspielertrick, du wärst dasselbe wie der Freitod.) Schon bis jetzt haben die Menschen dir - trotz all jener, die das Leiden verherrlichen und aufs Jenseits vertrösten, trotz jener, die die Stecker rausziehen wollen und die Öfen befeuern, trotz jener, für die Menschen zum Opfern und Verheizen da sind - beträchtliche Lebenszeit abgerungen, von der sie hoffentlich mehr darauf verwenden, dich in den letzten Winkel zu treiben und dich zu bannen. Geh sterben, Tod!

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