Verantwortlichkeit als verteiltes System

Google muss nach einem Gerichtsurteil die Identität einer anonymen Blogger.com-Userin weitergeben. Ihr Blog war dem Modell Liskula Cohen gewidmet, die sie dort u.a. als “skank” und “ho” bezeichnete. Cohen kann jetzt zivilrechtliche Schritte einlegen, wird dies aber Presseberichten zu folge nicht tun.1 In der feministischen Blogosphäre wurde in Redaktion auf das Urteil mal wieder einiges über Trolle, Belästigungen und Diffamierungen geschrieben, und zuerst wollte ich nur den Link zu Jessica Valentis Text über anonyme Trolls posten, aber das Thema verdient mehr Aufmerksamkeit.

Als Teil der Redaktion eines online Fanzines mit Community habe ich mich jahrelang mit dem Thema auseinandersetzen müssen. Es geht ja nicht nur um Trolle, die anonyme Wüteriche, mit denen eh niemand was zu tun haben will. Es sind auch Leute, die eigentlich zur “Community” gehören, aber manchmal einen “Humor” an den Tag legen, der nicht auszuhalten ist. Er hat in die immer gleichen rassistischen, sexistischen, behindertenfeindlichen (you name it) Kerben, soll provozieren, verletzt Leute und stabilisiert Machtverhältnisse. Die Seitenbetreiber_innen denken sich tausend Methoden aus, um mit diesem Problemen umzugehen. Problem Nummer 1: Moderation ist kompliziert und aufwändig, und gerade für Hobbyprojekte ab einer gewissen Größe kaum noch zu leisten. Problem Nummer 2: User_innen für alle Zeiten aussperren geht nicht. Problem Nummer 3: Gerichtich vorgehen will eigentlich niemand, denn auch das kostet Zeit und Geld, und überhaupt hatten wir uns das mit dem Internet so nicht vorgestellt. Es bleibt also schwierig, und dazu kommt: Andere Leute aus der “Community” solidarisieren sich, mit dem immer gleichen Argument, im echten Leben würde die Person so etwas doch nie sagen, ja noch nicht einmal denken. Und überhaupt: Meinungsfreiheit! Political Correctness! Zensur!

Ich kann mich bei dieser Kritik leider nicht ausnehmen. Ich habe auch schon Leute in solchen Situationen verteidigt, weil ich sie kannte und mochte.

Jessica Valenti unterstreicht, dass Widerstand gegen Onlinebelästigung Teil von feministischem Aktivismus sein muss, da sie auf den selben Machtstrukturen und Privilegien beruht, die Rassismus, Sexismus, Homophobie und andere Diskriminierungsformen im Real Life hervorbringen. Ich habe den Eindruck, dass Social Networks, Twitter und Blogs die Lage entspannt haben, da die Nutzer_innen heute viel besser in der Lage sind, zu filtern, mit wem sie es dort zu tun haben wollen, und mit wem nicht.

Der oben genannte Fall zeigt aber, dass das Thema nicht abgeschlossen ist, und die Frage, wie mit vermeintlich anonymen Onlinebullies umgegangen werden kann, passt ja leider schön in die große Debatte um staatliche Regulierung des Netzes und den Mut, denn wir eigentlich haben sollten, uns auf die Freiheit dieses Raumens einzulassen. Am Ende des Tages bleibt also die Frage, welche Internetkultur wir schaffen. In diesem Sinne verteidigt Kate Harding die Entscheidung des New Yorker Gerichts in ihrem Text Cyberbullies don’t deserve anonymity, aber macht auch klar:

Every online insult does not demand a lawsuit – if it did, I’d have about a thousand different suits pending as we speak – but we’ve spent too long letting hateful troublemakers equate “freedom of speech” with “freedom from criticism or consequences”. And the more we argue about online harassment from a strictly legalistic perspective, the more we ignore the fundamental issue: cowards who use a veil of anonymity, however flimsy and easily shredded, to launch attacks on their enemies, really ought to be silenced. Perhaps not by law, but by an online society that unequivocally rejects such behaviour as inappropriate, immature, and unwelcome.

Nicht die Gerichte, sondern die Betreiber_innen und Nutzer_innen müssen die Aufgabe nehmen, Räume zu schaffen, in denen sich Leute sicher fühlen und gerne bewegen: Verantwortlichkeit als verteiltes System.

  1. Nebenbei bemerkt: Vergleicht mal das Foto, dass die NY Daily News augewählt hat, mit dem Foto auf Daily Tech.
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