Mit zwanzig fand ich Jürgen Elsässer großartig. Mich sprach an, wie er mit dem lenin-marxistischen Vokabular, das mir von Kindesbeinen an vertraut gewesen war, die faschistische Mobilisierung begreifbar machte, die ich etwa drei Jahre lang aus nächster Nähe miterlebt hatte.
Obgleich ich die meisten marxistischen Texte zu dieser Zeit als borniert und überholt empfand und mich gerade vom
Wilhelm-Reich-Fanboy zum Diskordier verwandelte, las ich Elsässers “
Glückwünsche zum deutschen Sieg über die Alliierten” mit großem Vergnügen. In den folgenden Jahren blieb diese (mindestens) Zweigleisigkeit erhalten:
Wilson &
Burroughs hier, dort Christian Schmidts “
Wir sind die Wahnsinnigen” und die gelegentliche Lektüre der
konkret in der Bibliothek am Dresdner World Trade Center.
Die erste massive antideutsche Verschärfung würde ich bei mir rückblickend in den Jahren 1998/99 sehen. Ich hatte just zum ersten und letzten mal bei einer Bundestagswahl meine “Häufchen” (P. Ensikat) auf dem Zettel gemacht und auch prompt zwei Richtige gehabt. Die Überlegung war so naiv und demokratieidealistisch wie damals für mich triftig: Rot & Grün würden zumindest keinen Krieg anfangen (was ich von Figuren wie Rühe erwartete) und die Atomkraftwerke ausmachen. Vielleicht wäre sogar die Stimmung für eine Dope-Legalisierung drin.
Nur Monate später hatte diese von mir (mit-)gewählte Regierung den AKWs eine Laufzeitgarantie verschafft und war maßgeblich am Angriff auf Jugoslawien beteiligt. Über letzteres informierte ich mich bald schon lieber in der
Jungle World, die Deutschland nicht wie die bei uns zu Hause noch aus DDR-Zeiten abonnierte
junge Welt und der rechte Rand als bloßen US-Vasallen ansahen, sondern titelten: “Rot-Grün im Anflug”. Je mehr ich darüber erfuhr, wie es zu diesem Krieg gekommen war (etwa aus dem Sammelband “
Wie Dr. Joseph Fischer lernte die Bombe zu lieben“), desto mehr schockierte mich das Ausmaß von Uninformiertheit und Desinteresse der überwältigenden Masse der Deutschen, die dem Krieg zustimmte.
Da für mich die Antideutschen dennoch als Bewegung kaum sichtbar blieben (ich wohnte in Dresden…) und ich der PDS ein bißchen auf den Leim ging, hielt ich old school sozialistischen Pazifismus für eine so gute Antwort auf das Jugoslawien-Szenario, daß er bei mir teilweise noch bis 2002 überlebte.
Da war allerdings schon der zweite Einschnitt passiert, durch den ich vorübergehend in vielen Punkten quasi zum Parteigänger der sogenannten Hardcore-Antideutschen wurde. Zwischen den Anschlägen vom 11.9.2001 und den ersten Monaten des Irak-Krieges mußte ich mitansehen, wie die meisten Menschen um mich herum ständig ungefragt eine extrem auf Bush zugespitzte politische Weltsicht absonderten und wie eine ebenfalls große Zahl auch nächster Bekannter sich in kürzester Zeit von einschlägigen Verschwörungsideologien überzeugen ließ, deren bekannteste “Fragen” einem nun fast ebenso häufig wie das Bush-Bashing allerorten entgegenschallten.
2003 waren nun etwa so viele Prozent der Bevölkerung, wie 1999 für den Krieg gewesen waren, dagegen, und zwar im Einklang mit ihrer Regierung, der sie in dieser Frage eine moralisch-pazifistische Motivation zuschrieben, obgleich die Entscheidung zur Quasi-Nicht-Teilnahme für meine Begriffe offensichtlich zu großen Teilen vom Wahlkampf 2002, von der Frage der Rüstungsexporte und auch von der möglichen Etablierung Deutschlands als “netter Imperialist von nebenan” beeinflußt worden war.
In dieser Situation war gerade die Hardcore-Fraktion der Antideutschen die einzige mir überhaupt bekannte politische Strömung, die sich dem deutschen Waffenhändler-Pazifismus entgegenstellte, ohne deswegen zu Apologeten der USA und des Kapitalismus zu werden (als der ich vielen Gesprächspartnern jetzt auch galt und auch immer noch gelte). Erst jetzt kam ich nach und nach mit Texten dieser Fraktion in Berührung und war verblüfft über die Übereinstimmungen, in Bezug auf Israel und Antisemitismus (wozu sich meine Auffassung nicht zuletzt im Online-Nahkampf mit den Möllemännern im Telepolis-Forum gebildet hatte), aber auch und gerade in der Frage des Kommunismus, den ich hier so verhandelt fand, wie ich es gar nicht mehr für möglich gehalten hatte.
Erst diese Begegnung mit einem kommunistischen Entwurf, der an Wertkritik (kannte ich bis dahin nur aus Kurz-Kolumnen), Kritischer Theorie (war mir auch kaum bekannt) und einer sympathischen Positionierung gegen die deutschen Mehrheitsauffassungen gebildet war, warf für mich die Frage der Wiederaneignung des Begriffs Kommunismus auf. Für mich war spätestens mit 16 klar gewesen, daß es sich beim Kapitalismus nicht um etwas handelt, woran Einzelne oder Cliquen schuld sind, sondern um ein Gesellschaftsspiel. Zwischenzeitlich hatte ich es fast aufgegeben, noch mal auf mehr als eine Handvoll Leute zu treffen, denen das auch klar wäre. In der
Bahamas las ich nun (meist im Lesesaal der Amerika-Gedenkbibliothek) zum Beispiel solches:
>>
Kommunisten verweisen seit einem guten Jahrhundert mit Recht darauf, daß, obwohl diese Welt imstande wäre, allen ihren Bewohnern ein angenehmes Leben bei größtmöglicher Reduzierung und tendenzieller Abschaffung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit zu bieten, sie von unendlich vielen Menschen nach einem unerträglichen Leben den vorzeitigen Tod bereithält – das trennt sie von allen Bürgern, auch von den liberalen. Was Kommunisten mit Liberalen verbindet, ist die konstitutive Abneigung gegen den Staat als Zurichtungsanstalt und Agentur der Gleichmacherei. (…)
Kommunisten, die jede Form der Gleichheit außer den gleichen Zugang zum gesellschaftlichen Reichtum bekämpfen, haben daher eine hohe Meinung von den Errungenschaften der kapitalistischen Welt und meinen damit die Entfaltung der Produktivkräfte in jenem umfassenden Sinne, wie sie schon von Marx pointiert wurde: als Entwicklung der materiellen Voraussetzungen für allgemeinen Luxus unter nicht-kapitalförmigen Produktionsverhältnissen, aber eben auch als Entwicklung der Fähigkeit, genießen zu können, die wiederum Voraussetzung für Luxus ist, und ohne die im Kapitalismus meist schmerzhaft vollzogene Individualisierung nicht denkbar ist. Die kapitale Subjektform, unter der das Individuum befaßt ist, ist einerseits Inbegriff der Zumutungen, die das falsche Produktionsverhältnis für den Einzelnen bereithält, und die er an sich selbst vollziehen muß, hält aber doch das Versprechen bereit, über die Beschränkungen seiner Herkunft, seines Geschlechts, seiner Erziehung, seiner Gewohnheiten hinauszuwachsen, wie eben auch das Kapital sich nicht mit der einfachen Reproduktion bescheiden kann, sondern beständig über sich hinaustreibt, d.h. allgemeinen und maßlosen Reichtum produzieren muß. Daß das Kapital genauso wie die Subjektform, die es konstituiert, dieses Versprechen unmittelbar zugleich Tag für Tag dementieren muß, indem es das Individuum faktisch im Vollzug des Immergleichen festbannt, darin liegt für Kommunisten der Angelpunkt der Kritik am Kapital: Nicht daß es Vergnügen produziert, sondern daß es das Vergnügen mit Versagung und Verzicht durchtränkt, werfen sie ihm vor. Kommunisten, die sich diese Bezeichnung nicht nur angemaßt haben, werden daher das kleine beschädigte Glück im Bestehenden zugleich als schäbig benennen wie es gegen alle Versuche seiner falschen Aufhebung verteidigen, gegen jene also, die statt dem Vergnügen mit Versagung das Vergnügen an der Versagung organisieren wollen.<< (
Bahamas)
Diese Textpassage nahm ich im Kopf mit durch den Sommer 2004: u.a. als Betreuer auf einen
Jugendaustausch nach Ägypten, nach
El Alamein, ins Schreibretreat für das Jungle-World-Dossier
“Biegen und Brechen”, auf einen Pilztrip im Karlsruher Schloßpark und schließlich an den Proteststand gegen die Einladung der Arabischen Liga auf die Frankfurter Buchmesse.
Dortselbst, im abendlichen Diskussionsprogramm der Protestierenden, lernte ich einige der “Hardcore”-Protagonisten kennen und war vom intellektuellen Niveau der Auseinandersetzung begeistert. Es folgten Monate voller Brüche und Ausschlüsse, später immer wieder einzelne Kontakte zu anderen, denen es ähnlich erging: zu unterschiedlichen Zeitpunkten aus politischen Zusammenhängen ausgeschlossen, oft gewaltsam oder unter Gewaltandrohung, dann erst über das Konsens-Label “antideutsch” wieder politisch aktiv geworden.
Erst später wurde mir langsam der schmale Grat zwischen antimuslimischem Rassismus und der Gegnerschaft zu Islamfaschismus bewußt, las und hörte ich von den Positionierungen in der Vergewaltigungsdebatte und mußte einsehen, daß Provokation als politische Strategie zwar durchaus aufgehen kann, auf die Dauer aber mehr Selbstdistanz erfordert, als ich in vielen Diskussionen erlebte und als im Snafu der K-Gruppen-Atmosphäre mancher Zusammenhänge überhaupt aufkommen konnte und kann. Zudem bemerkte ich den gravierenden Unterschied zwischen dem vollzogenen Bruch mit einer Linken, in der man zuvor aktiv war, und neuentstandenen Gruppen, die sich oft an Karikaturen dieser Linken abarbeiteten, die sie selber nicht mehr aus der Nähe kannten.
Von wem dieses Schaubild ist, weiß ich nicht, ich kenn es über diesen Link.
Bezeichnung und Selbstbezeichnung als antideutsch verweist mittlerweile auf recht verschiedene Mischungen bestimmter Auffassungen in so bizarren Ecken wie bei den Grünen, in der Linkspartei oder in dem, was ein Freund als “liberale Antifa” bezeichnet hat. Deutschland ist unterdessen so mächtig wie nie zuvor.
Was bleibt - für mich und wohl auch für diejenigen, denen ich mich politisch nahe sehe - sind die Positionierung gegen alle Formen volksgemeinschaftlicher Mobilisierung und deutscher Ideologie, die Solidarität mit den davon Bedrohten, das qualifizierte Mißtrauen gegenüber guten Absichten, die Kritik der eigenen Gewißheiten (wie in meinem Falle etwa der lenin-marxistischen und vieler anderer linker Auffassungen) und das Beharren darauf, daß es die gesellschaftliche Verfaßtheit ist, die bildlich gesprochen die Monster hervorbringt (gegen die sich dennoch zur Wehr gesetzt werden muß); daß es also nur anders wird, wenn es wirklich anders wird.
(An diesem Text doktere ich jetzt schon eine Weile herum und poste ihn jetzt kurzerhand, obwohl ich an vielen Stellen mehr zu sagen hätte und anderes womöglich mißverständlich formuliert ist. Es wird vermutlich noch Korrekturen und Ausbauten geben. Siehe auch: Doch Lernprozeß!. Die ursprüngliche Idee war, meinen kontigenten persönlichen Zugang [Selbstdarstellung, fuck yeah!] zu mehreren Themen, Auffassungen und Formen zu schildern, außer den Antideutschen soll das mit Breakcore, Trampen und Psychedelik passieren, auch Kommunismus ließe sich noch mal separat erzählen. Werdet ihr ja sehen.)
pop posts