Selbstmord hinter Stacheldraht

Stu­die­ren­de ma­chen das eins­ti­ge Ge­fäng­nis an der Klap­per­feld­stra­ße zur Thea­ter­büh­ne

Frank­fur­ter Rund­schau, 25.​08.​2009 (down­load pdf)

Von Kris­tia­ne Schnei­der


Dra­ma­tik ge­hört zum Thea­ter im Klap­per­feld. (Bild: Schick)

Der Mensch ist doch auch im Krei­se jeg­li­cher Freun­de immer nur al­lei­ne. Froh kann ich nur in mei­ner ei­ge­nen Ge­sell­schaft sein – das kann man nicht unter Men­schen.“ Es war eine eher düs­te­re Sicht auf die Welt, die Stu­die­ren­de der Frank­fur­ter Hoch­schu­le für Musik und Dar­stel­len­de Kunst, der Goe­the-​Uni, der Bil­den­den Kunst­uni­ver­si­tät Wien und der Fried­rich-​Alex­an­der-​Uni­ver­si­tät Er­lan­gen-​Nürn­berg am Wo­chen­en­de ver­brei­te­ten.

„Auf der Kippe – Selbst­mord-​ ex­pe­ri­ment in ge­schlos­se­ner Ge­sell­schaft“ heißt ihr Thea­ter­stück, des­sen Text sie aus welt­be­rühm­ten Wer­ken zu­sam­men­ge­stellt und selbst in­sze­niert haben. Ihre Bühne: der Hof des ehe­ma­li­gen Ge­fäng­nis­ses an der Frank­fur­ter Klap­per­feld­stra­ße.

Da passt es gut, dass rund um das neue Do­mi­zil der In­itia­ti­ve „Fai­tes votre jeu!“, die sich po­li­tisch, kul­tu­rell und künst­le­risch en­ga­giert und im ver­gan­ge­nen Jahr vor allem durch die Be­set­zung des alten Ju­gend­zen­trum in der Bo­cken­hei­mer Var­ren­trapp­st­ra­ße Auf­se­hen er­reg­te, immer noch der alte Sta­chel­draht be­fes­tigt ist. Die Git­ter­stä­be und Nach­rich­ten an den Zel­len­wän­den im In­ne­ren des Ge­bäu­des zeu­gen von der 125-​jäh­ri­gen Ge­schich­te des Ge­bäu­des und der Sehn­sucht nach Frei­heit.

„In un­se­rem Stück ist die Spra­che das Ge­fäng­nis, da ist der Ort hier ge­ra­de­zu ideal“, er­klärt Dra­ma­tur­gin Han­nah Abels we­ni­ge Mi­nu­ten vor der Pre­mie­re am Sams­tag. Sie stu­diert an der Goe­the-​Uni Phi­lo­so­phie. „Der Grund­ge­dan­ke war die Suche nach sich selbst, aber dass man nie auf sich sel­ber gu­cken kann, wenn man in sich selbst drin steckt. Man muss sich erst selbst los­wer­den, um etwas über sich zu er­fah­ren“, sagt Laura Lin­nen­baum, die an der Mu­sik­hoch­schu­le Regie stu­diert. In dem Stück sit­zen die Ein­zel­gän­ger Hein­rich von Kleist, Ste­fan Zweig und Klaus Mann und die Grenz­gän­ge­rin Pen­thesi­lea in Un­ter­su­chungs­haft – und sie las­sen die etwa 100 Pre­mie­ren­gäs­te knapp ein­ein­halb Stun­den ge­bannt das durch­aus an­spruchs­vol­le Ge­sche­hen im Ge­fäng­nis­hof ver­fol­gen.

„Wir haben uns wäh­rend der letz­ten drei Wo­chen, in denen das Stück ent­stan­den ist, kom­plett nach außen ab­ge­schot­tet und mit nie­man­dem ge­re­det“, er­zählt Abels. Das sei nicht leicht ge­we­sen, aber eine wert­vol­le Er­fah­rung. „Tags­über haben wir ge­probt und dann habe ich nachts enorm viel ge­le­sen und die Texte wei­ter­ge­schrie­ben.“ Lust auf mehr hät­ten sie aber schon. „2011 ist Kleist-​Jahr – da könn­te ich mir schon vor­stel­len, dass wir das noch ein­mal auf­füh­ren.“ Man habe sich na­tür­lich vor­her schon ge­kannt, aber wäh­rend der drei­wö­chi­gen Pro­ben seien aus den Kol­le­gin­nen rich­ti­ge Freun­din­nen ge­wor­den – wei­te­re Pro­jek­te kei­nes­wegs aus­ge­schlos­sen.

Han­nah Abels und Laura Lin­ne­baum strah­len, als gegen 22 Uhr alles vor­bei ist und die Tore sich zur Pre­mie­ren­fei­er öff­nen – von düs­te­rer Stim­mung ist jetzt keine Spur mehr.