Getrackte Jugend

In der letzten fanbóys Folge (#41 „Blender und Leuchten“) ging es um das neue iOS Feature „Find my Friends“ (01:01:15). Im Grunde nichts neues: Damit kann man für ausgewählte Leute den eigenen Standort sichtbar machen. Es überrascht nicht, dass genau diese Dienste bei den allgegenwärtigen Diskussionen über die Privatsphäre in der digitalisierten Gesellschaft besonders gerne als Beispiel benutzt werden. Bei den fanbóys kam das Gespräch auf das Thema Standort-Tracking zwischen Eltern und Kindern. Die These war, kurz gesagt, dass das in Familien wahrscheinlich schon sehr verbreitet ist und sich dort bereits Normen herausgebildet haben, über die der kinderlose Teil der selbsternannten digitalen Elite sich noch die Köpfe heiß redet.

Das glaube ich nicht, denn ich kann mir vorstellen, dass diese Feature erstens auch innerhalb von Familien mit jugendlichen Kindern ziemlich umstritten sind – schließlich machen sich Eltern auch gerne mal Sorgen um die Daten, die ihre Kinder in sozialen Netzwerken scheinbar leichtfertig abliefern. Dann zu sagen, sie sollen per Latitude oder FmF ihre Location übermitteln ist u.U. nicht ganz so einfach zu vermitteln. Zweitens glaube ich nicht, dass sich besonders viele Familien mehrere Smartphones leisten können. Aber das könnte sich ja mit der Zeit ändern. Die Kinder in meinem Umfeld haben alle (noch) keine eigenen Mobiltelefone, so dass ich keine Beispiele aus dem Freundeskreis berichten kann.

Ich kann mich einigermaßen in den Wunsch der Eltern hineinversetzen, zu wissen, wo ihre Kinder gerade unterwegs sind. „Ruf bitte an, wenn du da bist.“ Das gab es ja in meiner Jugend auch. Wenn ich mich in die Jugendlichen hineinversetze, kann ich mir vorstellen, dass es eine Gruppe gibt, die das auf jeden Fall scheiße findet. Weil Eltern einfach nerven. Aber diesem Bild der pubertären Rebellen entsprechen ja gar nicht alle. Jugendliche, die eher kooperativ mit ihren Eltern umgehen, haben möglicherweise erstmal kein Problem damit, wenn die Eltern beruhigt sind, weil sie wissen, wo sie sind. Aber was, wenn der Abend mal nicht nach Plan verläuft, man spontan auf eine andere Party geht, auf der die Eltern der Gastgeber_in nicht aufpassen, wo es ein bisschen aufregender und spannender ist. Wenn man dann doch in die Stadt fährt oder in ein Viertel, das nicht so einen guten Ruf hat. Ob die Eltern davon erfahren sollen, kann man sich ja hinterher noch überlegen. Solche Überschreitungen des Verabredeten kommen irgendwann bei den meisten Heranwachsenden vor und das ist ja auch erstmal nichts Schlimmes. Meistens passiert nix, außer, dass es ein bisschen aufregend ist. Wird es das irgendwann nicht mehr geben? War dann der Akku leer? Was, wenn die Akkus irgendwann einen Monat halten und diese Ausrede nicht mehr plausibel ist?

Ich finde das sehr interessant. Was denkt ihr dazu? Seid ihr Erziehungsberechtigte oder Jugendliche, die noch unter der Fuchtel des Elternhauses leben, die diese Debatten selbst erleben? Mich würde auch interessieren, was die Denker_innen der Kontrollverlust und der Post-Privacy dazu sagen. Wird „nicht zu Hause sein“ als Raum von potentiellen Möglichkeiten, etwas von den Souveränen des Elternhauses unbeobachtetes zu tun verschwinden und was wird das für Auswirkungen auf die zukünftigen Subjektivitäten haben? Oder wird man sich dagegen wehren, auf diese Weise regiert zu werden?

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