In einer Passage sympathisiert Adorno mit der politischen Paranoia: Erst die geschichtliche Realitätsprüfung entscheide, was Wahnsinn und was begründete Einsicht in den vorherrschenden Wahnsinn gewesen sei. “Cui Bono?” fragen die politischen Skeptiker heute, und kommen offenbar zum Schluss, dass Rebellen Giftgas eingesetzt hätten gegen eigene Kämpfer und Zivilisten, um einen Militärschlag zu provozieren und damit den Nutzen der Aktion einzufahren. Solche Gedanken, so ehrlich muss man sein, wären gar nicht allzu abwegig. Erfahrungen mit solchen djihadistischen medialen Inszenierungen haben westliche Medien vor allem in Gaza und der Westbank sowie Libanon gemacht – natürlich ohne etwas daraus zu lernen.
Das “cui bono” ist berechtig – und Unsinn zugleich. Wäre Assad sich sicher, dass die Rebellen Giftgas einsetzen, er würde eine sofortige Untersuchung selbst einfordern, um sich die Unterstützung des Westens zu sichern. Das wäre ein Lotteriegewinn für seine Herrschaft, den er sich nicht entgehen lassen könnte: Er als Garant der Sicherheit gegen Djihadisten mit Giftgas. Munitionsbehälter, Abschussstandorte und weitere Spezifikationen ließen selbst bei einer raffinierten Fälschung ziemlich eindeutige Ergebnisse zu.
Das Szenario einer Fälschung wäre aber entweder: Es gab gar kein Giftgas und man hat Kleinkinder und andere Protagonisten entweder vergiftet oder – dann müssten es begnadete Kinderschauspieler sein – in den Symptomen trainiert und dann einen einzigen Film ohne Schnitte und Fehler produziert sowie hunderte Personen zu falschen Zeugnissen überredet, was ein für Verschwörungen unmögliches Maß an Indiskretion provoziert. Oder es gab, wie das Ärzte vor Ort sagen, tatsächlich Giftgas, das man aufwändig erwarb, schmuggelte, nach Damaskus (und nicht etwa in eine der grenznahen Städte) schaffte – und dann haben die Djihadisten aus unerfindlichen Gründen das Drehbuch und eine gute Kamera vergessen, so dass nur kurze, vom propagandistischen Standpunkt aus dilletantische ungeschnittene Sequenzen mit Kleinkameras gedreht wurden.
Stünde man wirklich im Zweifel über die Urheberschaft oder die Art des Angriffs, so wäre die richtige Antwort ein scharfes Ultimatum an Assad: Sofortigen Zugang zu der Stätte, unverzügliche Untersuchung der Vorwürfe, öffentliche Analyse des Filmmaterials. Natürlich klangen die diplomatischen Worte unendlich weicher: Die Vorwürfe seien so entsetzlich, dass sie gut geprüft werden müssten, so Westerwelle. Der Adressat der diplomatischen Mahnung ist nicht Assad, sondern jene, die die “ungeheuerlichen” Vorwürfe erheben. In dem Fall ein paar Ärzte und Augenzeugen vor Or, die ihr bestes taten, um Patienten zu versorgen, zu filmen und tote Tiere einzusammeln.
Dass Frankreich und die USA ebenfalls kein solches Ultimatum erheben, das ihnen die Legitimation verschaffen würde, zeigt, dass es ohnehin jeder weiß und dass man ganz gute Einblicke in das Geschehen vor Ort hat. Die Beweise für Giftgaseinsätze hatten Israel, Frankreich und Großbritannien das gesamte letzte halbe Jahr über gesammelt und vorgetragen. Man kann sich einigermaßen sicher sein, dass die israelischen Institutionen unter Geheimdienstarbeit nicht Donutessen und Internetüberwachung verstehen, wenn es um eventuell frei flottierende Chemiewaffen im Nachbarland geht. Und man darf sich sicher sein, dass sie nicht leichtfertig Assad der Option einer mit Chemiewaffen ausgerüsteten Al-Qaida-Front am Golan zähneknirschend vorziehen würden.
Es gibt deshalb eine andere Geschichte, die wahrscheinlicher klingt als die Verschwörungstheorie, die sich an der Frage aufhängt, warum Assad ausgerechnet jetzt Giftgas einsetzen sollte, wo UN-Inspektoren im Lande sind. Mehrfach hat Assad angedroht, Israel zur Strafe für jede westliche Intervention anzugreifen – und doch toleriert, dass die IDF sich um syrische Raketentransfers an die Hisbollah “kümmert”. Nun aber rücken Elitetruppen der FSA auf Damaskus vor, die unter anderem von Israel und den USA in Jordanien trainiert wurden. Gleichzeitig trudeln mit ein paar Monaten Verspätung doch noch UN-Kontrolleure ein, die sehr wahrscheinlich noch einmal bestätigen werden, dass Assads Truppen C-Waffen eingesetzt haben. Es wäre dann ohnehin alles verloren für Assad, also spielt er den “mad dog”. Nicht nur den obligatorischen Raketensturm der Hisbollah, sondern sogar einen Giftgasangriff auf Israel oder generell einen Gaskrieg droht er damit implizit an. Der dreiste Giftgaseinsatz gegen die Rebellen wäre in diesem Sinne ein makabres Telegramm an die westliche militärische Intelligenz, die er sowohl an seine C-Waffen-Arsenale als auch an seine eigene Skrupellosigkeit erinnert. Saddam Hussein hat eine ganz ähnliche Drohung mit C- und B-Waffen offen ausgesprochen und damit zumindest Israel von der Beteiligung im zweiten Golfkrieg abgehalten. Und Assads Vater erhielt sich wie Hussein durch Giftgas an der Macht. Gar nicht ausgemacht war und ist, ob eine internationale Reaktion erfolgt. Sudan etwa hat Giftgas gegen Nuba eingesetzt ohne je Konsequenzen zu tragen. Genauso wahrscheinlich ist, dass sich Truppenteile schon gar nicht mehr in der Kontrolle Assads befinden und Giftgas einsetzen aus situativem militärischen Kalkül.
Im Dezember 2012 ging übrigens eine Meldung durch die Presse, dass ein russisches Spezialkommando in einer konzertierten Militäraktion ein Chemiewaffenlager gesichert und evakuiert habe, das ins Zentrum eines Angriffs von Rebellen geriet. Man darf also begründete Zweifel haben, dass Rebellen überhaupt an gut bewachte und von Russland geschützte Chemiewaffen gelangen konnten. Möglich wäre lediglich ein Transfer von C-Munition aus irakischen oder postsowjetischen Altbeständen. Wieso diese dann nicht gegen Truppen des Regimes eingesetzt werden, wenn doch mehrfach Fronten der Rebellenfraktionen aufgerieben wurden, wieso also die Rebellen erst jetzt, ein halbes Jahr nach den ersten Meldungen einen solchen Angriff “vortäuschen” sollten, solche Gedankenketten zu konstruieren bedarf einiger Kühnheit.
Wahrscheinlicher ist, dass man eigentlich genau weiß, dass dieses diplomatische Desaster mit seinen 100.000 Toten eine Menge Schuld und Fragen nach Verantwortung erzeugt hat. Das Festbeißen an den unwahrscheinlichsten Erklärungen, die Haarspaltereien, sollen darüber hinwegtäuschen, dass dieser Krieg, Chemiewaffen hin oder her, ein Ende haben muss, dass die Ära Assad ein Ende haben muss. Zum politischen Sachverstand gehört aber auch die Einsicht, dass die Elimination Assads den Krieg nicht beenden wird und dass dann erst recht eine bewaffnete Exekutive die Sekten auf Abstand halten muss. Vor dieser kostenintensiven “jugoslawischen” Lösung – vom Gaskrieg ganz abgesehen – schreckten wohl vor allem die USA zurück, wo auch McCain weiß, dass Frankreich und England politisch vielleicht einen Monatskrieg aus der Luft durchstehen können, aber sicher nicht die gerade aus Afghanistan vor den Taliban geflohenen Truppen in einen neuen Dauerkrieg gegen den Djihadismus schicken werden. Dafür Obama die Schuld zu geben, ist eine Personalisierung der gesellschaftlich hegemonialen Ideologien über internationale Politik.
Schuld trifft unter anderem jene, die noch vor einem Jahr – mitunter in vorgeschützter Besorgnis um Israel, das es freilich damals schon besser wusste – Assad halten wollten, um neue Al-Qaida-Fronten und einen Bürgerkrieg zu verhindern. Solche politische Dummheit wird von keinem internationalen Tribunal geahndet werden.
—————————————————————
Siehe auch: “Vorsprung durch Identifizierung – Die Kaperfahrten des Sören P. unter Käptn Assad“
Einsortiert unter:Verwaltete Welt
![]()
