Ermordet, weil wir Frauen* sind
Der Begriff „Femizid“ bezeichnet die „frauenfeindliche Tötung von Frauen durch Männer“ (Russel). Dies bedeutet, dass ein Mann eine Frau* ermordet, lediglich weil sie eine Frau* ist. Femizide repräsentieren die extremste Form patriarchaler Gewalt, treten jedoch häufig im Rahmen eines Kontinuums von Gewalt auf und sind Ausdruck männlicher Dominanzbestrebungen. Entscheidend für die Klassifizierung einer Tat als Femizid ist, dass sie im Kontext einer allgemeinen Unterdrückung von Frauen* in patriarchalen Gesellschaften erfolgt. Femizide geschehen sowohl innerhalb als auch außerhalb intimer Beziehungen, wobei letztere weltweit die häufigste Form darstellen.
Bereits in den 1990er Jahren begannen Feminist:innen in Lateinamerika, den Begriff des Femizides zu verwenden, um den dramatischen Anstieg von Gewalttaten an Frauen* zu benennen. Diese Bezeichnung der Taten als Femizid ermöglichte es, diese politisch einzuordnen und einen Widerstand zu mobilisieren. Ein zentraler Bezugspunkt der Bewegung war die erschreckende Serie von Femiziden in der mexikanischen Stadt Ciudad Juárez, wo zwischen den 1990er Jahren und 2003 bis zu 500 Frauen* verschwanden und später meist tot aufgefunden wurden. Die Aufklärung dieser Morde blieb jedoch oft aus, was zur Entstehung einer starken feministischen Bewegung führte, die besonders die Verantwortung des Staates in den Blick nahm und auch internationale Beachtung fand. Die Gründung der „Ni una menos“-Bewegung in Argentinien im Jahr 2015 trug zusätzlich zur Bekanntwerdung des Phänomens bei. Diese Bewegung hat sich mittlerweile zu einer Massenbewegung entwickelt, die auch in Deutschland unter dem Titel „Keine Mehr“ aktiv ist.
Die Datenlage spricht für sich
Dass das Problem immer noch genauso aktuell ist, zeigt auch ein Blick auf die Zahlen: 2023 zählte die UN weltweit 85.000 Femizide. Auch in Deutschland wurden 2023 insgesamt 360 Femizide erfasst. Das heißt, dass beinahe jeden Tag eine Frau* oder ein Mädchen* ermordet wurde. 578 Frauen* und Mädchen* wurden Opfer versuchter Morde, überlebten aber glücklicherweise. Diese und andere Daten zum Anstieg patriarchaler Gewalt sind schockierend und zeigen, dass wir als Frauen* nicht in einer sicheren gleichberechtigten Gesellschaft leben, sondern dass es jeden Tag auch uns treffen könnte.
This is a man’s world
Man(n) tötet nicht aus Liebe – so viel ist klar, aber wie kann es sein, dass fast täglich ein Femizid passiert?
Gewalt gegen Frauen* wird durch ein gesellschaftliches System begünstigt – das Patriarchat. „Kurzgefasst kann das Patriarchat als Vorherrschaft des Männlichen über alles Nicht-Männliche verstanden werden“. Diese Vorherrschaft beinhaltet die Abwertung von Weiblichkeit. „Die darin verwurzelte Unterdrückung […] geschieht systematisch und geht mit einer Objektivierung von Frauen* einher. Als Objekte können Frauen* angeeignet, genutzt und notfalls auch zerstört werden. Femizide sind daher das Resultat eines Systems, in dem patriarchales Anspruchsdenken, Misogynie und Gewalt an der Tagesordnung sind.“ (Redical [M]: Keine Mehr! 2. Aufl. S. 12)
Dem Ganzen liegt ein Bild von Männlichkeit zu Grunde, das erfüllt werden und sich von allem Weiblichen abgrenzen muss – die sogenannte „hegemoniale Männlichkeit“, die immer wieder neu verhandelt werden muss und durch Dominanzverhältnisse und Hierarchien geprägt ist. Die Unabhängigkeit von allem Weiblichen, steht dabei dem Bedürfnis nach Befriedigung auf sexueller und emotionaler Ebene durch Frauen* gegenüber. Dieser Widerspruch führt zum sogenannten Autonomie- und Abhängigkeitskonflikt. Jede „vermeintliche Bedrohung der eigenen Autonomiefantasien durch das weibliche Geschlecht soll mit Hilfe von Macht, Unterordnung und im Zweifel auch Gewalt abgewendet werden.“ (Redical [M]: Keine Mehr! 2. Aufl. S. 16).
Im äußersten Fall gipfelt dies in Femiziden. Diese sind nicht nur die äußerste Spitze der Gewaltspirale in der Verteidigung vermeintlicher Männlichkeitsansprüche, sondern Bestrafung und Warnung an alle Frauen*. Jeden Tag, an dem ein Femizid passiert, sind wir alle gemeint!
Der Wert einer Frau*
Aber nicht nur patriarchale Strukturen allein führen dazu, dass nahezu jeden Tag eine Frau* aufgrund ihres Geschlechts ermordet wird. Patriarchale Strukturen und hegemoniale Männlichkeit gehen mit einem kapitalistischen Gesellschaftssystem einher, dass Frauen* ausbeutet und als weniger wert betrachtet. In der Entstehung des Kapitalismus konnte dieser auf bereits bestehende patriarchale Strukturen bauen und so unprofitable Arbeit – Reproduktionsarbeit – auf Frauen* auslagern. Immer noch bewältigen Frauen* den Großteil der Care-Arbeit, ohne die der Kapitalismus nicht funktionieren würde.
Aber was hat das jetzt mit Femiziden zu tun? Die vergeschlechtlichte Arbeitsteilung, also dass Frauen* für unbezahlte Care-Arbeit verantwortlich gemacht werden, wird nicht nur durch ökonomische und sozialisatorische Umstände durchgesetzt, sondern auch durch direkte Gewaltausübung von Männern. Diese sehen ihren Anspruch in der “Verfügung über Frauen*”, auch über ihre Arbeitskraft. Ob es nun um’s Putzen der Wohnung, das Leisten emotionaler Care-Arbeit oder um sexuelle Verfügbarkeit geht: Wird dies verwehrt, kann es notfalls auch mit Gewalt eingefordert werden. Die Betrachtung der Frau* als Privateigentum führt dabei zur Legitimation dieser Gewalt, denn „[…] zum Privateigentum gehört auch, es zerstören zu dürfen.” (Redical [M]: Keine Mehr! 2. Aufl. S. 30).
Aber nicht nur auf dieser Ebene begünstigt der Kapitalismus Femizide. So korreliert beispielsweise Arbeitslosigkeit von Männern mit Gewaltausübung an Frauen*, sodass in sozialen Krisen wie der Corona-Pandemie Gewalt das Mittel der Wahl ist, um die eigene Vormachtstellung und das Ego wieder aufzubauen, wenn dieses durch äußere Umstände vermeintlich gefährdet wird.
Feminismus ist intersektional
Gewalt gegen Frauen* kann zudem nie losgelöst von anderen Unterdrückungsformen betrachtet werden, sondern steht zu diesen in einem Wechselverhältnis und muss vor deren Kontext analysiert werden. So haben Frauen* mit weniger finanziellen Ressourcen im Kapitalismus beispielsweise schlechtere Möglichkeiten, sich aus gewalttätigen Beziehungen zu befreien und sind daher sind sie einem höheren Risiko ausgesetzt als finanziell unabhängigere Frauen*.
Neben dem Geschlecht der Betroffenen müssen also weitere Faktoren wie Klasse, Herkunft, Hautfarbe oder Sexualität genau in den Blick genommen werden, um zu verstehen, welchen Risiken eine Frau* besonders ausgesetzt ist und wie deren Bekämpfung aussehen muss. Diese Mehrfachbetroffenheit nennt man Intersektionalität.
Obwohl beispielsweise Femizide in Brasilien insgesamt abnehmen, steigen doch die Betroffenenzahlen von Schwarzen Frauen* weiterhin. Auch werden Femizide gegen rassifizierte Frauen* häufig als Ehrenmorde und damit Ergebnis „fremder“ Kulturen bezeichnet. Dieses rassistische Framing verkennt allerdings den eigentlichen Ursprung der Gewalt: Das Patriarchat.
Auch trans-Frauen fallen Femiziden besonders häufig zum Opfer, fließen allerdings oft nicht einmal in Statistiken ein, da hierfür auf staatliche Aussagen zum Personenstand zurückgegriffen wird. Wurde dieser (noch) nicht geändert, werden diese Taten demnach meist als Morde an Männern gewertet. Um auf diesen Missstand aufmerksam zu machen, wurde der Begriff des „Transfemizids“ geprägt.
Diese und viele weitere Beispiele zeigen, dass sich verschiedene Risikofaktoren verschränken, gegenseitig bedingen und sogar verstärken können, sodass völlig neue Betroffenheitsphänomene entstehen. Sprechen wir über die Ursprünge patriarchaler Gewalt und wollen uns solidarisch mit deren Opfern zeigen, müssen wir uns in feministische Debatten dementsprechend sowohl antirassistisch und antikapitalistisch als auch gegen jegliche weitere Form von Diskriminierung positionieren.
Femizide und deren Ursachen benennen!
Im öffentlichen Diskurs fehlt das Vokabular zur Einordnung geschlechtsspezifischer Gewalt weitgehend, sodass häufig von „Beziehungstaten“ oder „Familiendramen“ die Rede ist. Durch dieses Ausblenden politischer Grundlagen in der Berichterstattung werden Femizide entpolitisiert, ins Private verbannt und als Einzelfälle verkannt. Darüber hinaus berichten Medien vor allem dann, wenn den Tätern vermeintliche „Fremdheit“ zugeschrieben werden kann oder Gewalt im öffentlichen statt privaten Raum verübt wird. Auf geschlechtsspezifische Hintergründe aufmerksam und Femizide sichtbar zu machen, ist allerdings ein notwendiger Schritt auf dem Weg zur Überwindung des Patriarchats.
Dies muss bereits bei der kriminologischen Datenerfassung geschlechtsspezifischer Morde beginnen. Derzeit liegt polizeilichen Kriminalstatistiken ein unzureichendes Verständnis von Gewalt gegen Frauen* zugrunde, wodurch beispielsweise nicht klar ersichtlich ist, bei welchen Morden es sich um Femizide handelt und bei welchen nicht. Nicht jede Tötung einer Frau* durch ihren (Ex-)Partner ist zwangsläufig ein Femizid und nicht jeder Femizid findet in partnerschaftlichen Kontexten statt, doch die Zusammenfassung in der behördlichen Datenerfassung nach „Partnerschaftsgewalt“ erschwert eine Differenzierung und präzise Risikountersuchung. Häufig führen fehlende kriminalistische Auswertungen nach Femiziden zu einem Mangel an zielgerichteten Präventionsmaßnahmen und verschleiern so die Analyse patriarchaler Zusammenhänge und Tatmotive.
Die Verantwortung des Staates beginnt nicht erst bei der strafrechtlichen Verfolgung von Tätern, sondern bei einem effektiven Gewaltschutz. Die CEDAW-Allianz, ein Bündnis aus verschiedenen zivilgesellschaftlichen Organisationen, darunter Beratungsstellen und Frauenhäuser, sieht hier einen enormen Nachholbedarf. Viele dieser Einrichtungen sind unterfinanziert, was die Unterstützung von Frauen* in Notlagen erheblich erschwert. Besonders marginalisierte Gruppen wie Frauen* mit Behinderungen, Migrantinnen* oder geflüchtete Frauen* stehen vor großen Hürden, die ihnen den Zugang zu notwendigen Hilfsangeboten verwehren.
Ein weiteres zentrales Problem stellt das Umgangsrecht dar. Oftmals priorisieren Jugendämter das Umgangsrecht gewalttätiger Väter mit ihren Kindern über den Schutz der Mütter* vor Gewalt.
Außerdem ist der Stundenlohn von Frauen* nach wie vor niedriger und viele tragen die Hauptverantwortung für die Kinderbetreuung, was sie häufig in Teilzeitarbeit zwingt. Diese wirtschaftliche Abhängigkeit wird durch die Tatsache verstärkt, dass 2024 knapp ein Viertel der überwiegend weiblichen Alleinerziehenden armutsgefährdet war. All diese Faktoren machen es Frauen* extrem schwer, gewaltvolle Beziehungen zu verlassen.
Doch auch die Rechtsprechung im Kontext von Femiziden zeigt, dass der Staat regelmäßig versagt. Im deutschen Mordparagrafen (§211 StGB) werden niedere Beweggründe als Merkmal aufgeführt. In den Gerichtsurteilen zu Femiziden werden jedoch häufig andere Motive wie Affekt, Verzweiflung oder Trennungsschmerz angeführt, was dazu führt, dass diese Taten lediglich als Totschlag gewertet werden. Dies hat zur Folge, dass die Täter nur mit einer Haftstrafe von 5 bis 15 Jahren rechnen müssen, während bei Mord lebenslang droht.
Im Gegensatz dazu töten Frauen* ihre Partner oft nicht direkt, sondern nutzen aufgrund ihrer körperlichen Unterlegenheit Hilfsmittel wie Gift, was das Tatmerkmal der Heimtücke erfüllt und somit zu einer lebenslangen Haftstrafe führt. In der aktuellen Rechtsprechung werden versuchte oder vollendete Femizide häufig nur als Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt, was die Ungleichheit in der Behandlung von Opfern und Tätern weiter verstärkt.
So geht es nicht weiter!
Wir gedenken aller ermordeter Frauen* und Mädchen*. Jeder Femizid ist einer zu viel. Doch was kann man dagegen tun?
Frauen*morde haben in einer patriarchalen Gesellschaft System. Die strukturellen Bedingungen, in welchen Geschlechter hierarchisch angeordnet sind, ermöglichen alle Formen patriarchaler Gewalt. Im kapitalistischen Patriarchat wird es immer Femizide geben, die durch härtere Strafen gegen die Täter nicht verhindert werden würden. (Nichtsdestotrotz fordern wir eine konsequente Strafverfolgung!) Eine reformierte Männlichkeit, die Möglichkeit als Frau* in Führungspositionen zu arbeiten oder auch kostenlose Menstruationsprodukte gelten als Errungenschaften des modernen Feminismus. Solche Häppchen in Richtung Gleichstellung werden die bestehenden Verhältnisse jedoch nicht ändern. Wir geben uns nicht mit Reformen zufrieden, wenn weiterhin nahezu täglich ein (versuchter) Femizid stattfindet. Die revolutionäre Überwindung des Bestehenden hin zu einer grundlegend solidarisch organisierten Gesellschaft, in der das gute Leben für alle möglich wird, kann zum Ende des Patriarchats führen. Wir kämpfen für die Zerschlagung der kapitalistisch-patriarchalen Gesellschaftsordnung und für die bedingungslose Gleichstellung aller Geschlechter.
Und während wir auf die Revolution warten, geht es darum, über Femizide als strukturelles Problem aufzuklären und dieses sichtbar zumachen. Wir werden feministische Bildungsarbeit leisten, die eigenen patriarchalen Denk- und Handlungsmuster aufdecken und uns bedingungslos und radikal solidarisch zeigen, überall dort, wo Frauen* unterdrückt, misshandelt und getötet werden. Das Gleiche fordern wir von Medien, Politik und Bildungseinrichtungen.
Femizide sind keine individuellen Beziehungstaten oder Eifersuchtsdramen, wie sie meist in den Medien verharmlost werden. Damit findet in der medialen Darstellung eine Verschiebung ins Private statt, sodass es zu einer Bagatellisierung der massiven strukturellen Gewalt kommt. Es braucht eine Anerkennung als geschlechtsspezifische Gewalttat auf allen Ebenen. Das heißt auch, dass eine öffentliche Positionierung der Politik notwendig ist, dass in schützende Strukturen wie z.B. Frauenhäuser (vor allem im ländlichen Raum) investiert werden muss und dass Richter:innen und Staatsanwaltschaft geschult und sensibilisiert werden müssen. Es fehlen auf institutioneller und auf gesellschaftlicher Ebene Konzepte und Strukturen, die Frauen* schützen und die Taten angemessen verfolgen.
Da man sich, wenn es um das Leben von Frauen* geht, weder auf Staat noch auf Polizei verlassen kann, ist es nötig, eine feministische Bewegung aufzubauen. Wir brauchen eine solidarische und kämpferische Frauen*bewegung! Inspiration entnehmen wir aus internationalen Kontexten wie den alertas feministas aus Uruguay, die durch politisch-künstlerische Aktionsformen den öffentlichen Raum zurückerobern, immer dann, wenn ein Femizid begangen wird. Der argentinischen Bewegung Ni una menos gelang es 2016 mehrere Massendemonstrationen in verschiedenen Ländern zu mobilisieren, somit Femizide öffentlich sichtbar zu machen und konkrete Forderungen in aller Klarheit zu formulieren: Das Ende männlicher Gewalt an Frauen* und das Ende aller geschlechtsbasierter Gewalt! Demonstrationen, kreative und kämpferische Protestformen und feministische Massenstreiks zeigen: Wir sind viele, wir sind organisiert und wir werden weiter für unser Recht auf ein sicheres Leben kämpfen.
Patriarchale Gewalt muss skandlisiert werden! Wir müssen uns zusammen tun, Erfahrungen austauschen und uns vernetzen. Es kann ein Anfang sein, über diese schockierenden Umstände zu informieren. Das Ziel muss sein, gemeinsam gegen sie zu kämpfen.
*Patriarchale Gewalt richtet sich nicht nur gegen cis Frauen in heterosexuellen Beziehungen, sondern auch gegen queere Personen. Von Femiziden redet man immer dann, wenn die ermordete Person eine Frau war (egal ob cis- oder transgeschlechtlich) oder als solche vom Täter wahrgenommen wurde. Femizide passieren Menschen, die weiblich durch den Täter gelesen werden, unabhängig von ihrer eigenen geschlechtlichen Identität.
