Im Netz macht gerade ein Video die Runde, das Joanne Milne in dem Moment zeigt, wie zum ersten mal ihre Cochlea-Implantate eingeschaltet werden. Sie versteht sofort Sprache und beantwortet die Fragen der Audiologin. Außerdem klänge alles “zu hoch”. Wie kann das sein, wenn sie doch von Geburt an gehörlos ist?
Die Antwort ist ganz einfach: Joanne Milne war zumindest in ihrer Kindheit nicht vollständig taub und muss Hören gelernt haben. In den ältesten Quellen wird sie als “profoundly deaf” bezeichnet, was auf Deutsch in etwa mit “stark schwerhörig” zu übersetzen ist – ein sehr beliebter Übersetzungsfehler. Der Guardian verkürzte zu “deaf since birth” und die Süddeutsche schreibt “taub geboren”. Klingt nach Haarspalterei, ist aber ein wichtiger Unterschied. Ein Cochlea-Implantat kann nur dann helfen, wenn das Gehirn auch in der Lage ist, die eingehenden Signale zu verarbeiten. Das geht nur, wenn in der frühkindlichen Entwicklung die entsprechenden Gehirnstrukturen herausgebildet werden, was wiederum voraussetzt, dass das Kind etwas hört.
Zwar können auch erwachsene Gehörlose mit Cochlea-Implantat hören lernen, sie werden aber in den allermeisten Fällen auch nach langer Reha große Schwierigkeiten haben, Sprache zu verstehen. Das ist ein Grund für die breite Enttäuschung unter Gehörlosen, was das Cochlea-Implantat betrifft. Und deshalb ist es so wichtig, dass einerseits Gehörlosen Untertitel und Gebärdensprache-Dolmetscher zur Verfügung stehen und andererseits Kinder – wie heute weitgehend üblich – bereits mit 9-12 Monaten operiert werden. Sie haben dann sehr gute Chancen auf ein hörendes Leben wie alle anderen Kinder auch. Zwar gibt es in Tierexperimenten auch Hinweise auf eine hohe Plastizität des Gehirns auch in späteren Jahren, jedoch sind diese Ergebnisse bisher nicht auf den Menschen übertragbar. Die Forschung steht hier noch ziemlich am Anfang.
Das Beispiel zeigt, dass wir trotz aller Fortschritte noch weit davon entfernt sind, Menschen “reparieren” zu können – ganz abgesehen von der Frage, ob es eine gute Idee ist, mit technologischen Mitteln lauter “Normmenschen” zu produzieren, die alle einheitliche Fähigkeiten haben. Cyborgism steht für Vielfalt: Vom Menschen, der unverändert so leben will wie er ist, bis zum Menschen, die sich erst mit technischen Erweiterungen wirklich als sie selbst fühlen. In diesem Kontinuum müssen alle die gleichen Chancen haben, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Das nennt man* übrigens Inklusion.
Joanne Milne hat das Usher-Syndrom, das nicht nur mit Schwerhörigkeit einhergeht sondern auch dazu führt, dass die Patienten langsam erblinden. Wir hoffen, dass Retina-Implantate in absehbarer Zeit qualitativ so gut sind, dass Joanne einen zweiten solchen Glücksmoment wie im Video erleben darf.
