Von der Gesellschaft unterdrückt, von den Genossen lediglich toleriert.
Helke Sander und Sigrid Rüger hatten davon die Nase voll.
„Wir werden uns nicht mehr damit begnügen, daß den Frauen gestattet wird, auch mal ein Wort zu sagen, das man sich, weil man ein Antiautoritärer ist, anhört, um dann zur Tagesordnung überzugehen.“ erklärte Helge Sander in ihrer Rede am 13.9.1968 bei der SDS-Konferenz in Frankfurt. Nur damit eben genau das passierte. Man(n) hat sie reden lassen, für ein Umdenken hat es allerdings nicht gereicht. Es ging frisch-fröhlich weiter zur Tagesordnung, ihre Punkte, mitunter die Bitte nach Unterstützung bei der Errichtung von Kinderläden, wurden einfach ignoriert. Da ist das Fass übergelaufen. Sigrid Rüger, aus ihrer Wut heraus, warf drei Tomaten auf die Verantwortlichen der Konferenz, zielsicher wohlbemerkt. Und damit war´s nicht genug: die feministische Bewegung gewann mächtig an Schwung nach diesem Ereignis, dieser „Grenzüberschreitung“.
Auf den Tomatenwurf und den Auftrieb der feministischen Bewegung in Westdeutschland folgten Organisierungen von Feministinnen auch auf militanter Ebene. Sie lösten Diskussionen in der Bewegung aus, Aufmerksamkeit für feministische Themen in der Öffentlichkeit, Wellen an Solidarität untereinander… Dass sich Frauen gewehrt haben – auf unterschiedliche Art und Weise – hat damals vermutlich viele Leben gerettet und sollte für uns Inspiration sein und ein Antrieb unsere Wut wieder zu finden und uns zu wehren.
1977 fand der erste Anschlag der militant feministischen Gruppe „Rote Zora“ statt. Er richtete sich gegen die Zentrale der Bundesärztekammer in Köln und reihte sich an, an jahrelange kreative Proteste gegen das Abtreibungsverbot, aber auch ständig stattfindende Rückschläge und Misserfolge im Kampf für die Selbstbestimmung über den eigenen Körper.
Einige Jahre später, 1993, schrieb die Rote Zora ein Statement zur Notwendigkeit von Gewalt: „Aber jede Frau die schon einen Stein geworfen hat, die auf Anmache von Männern nicht mit Rückzug reagiert, sondern zurückgeschlagen hat, wird unser Gefühl von Befreiung nachvollziehen können, das wir hatten als wir Sexshops zerstörten oder eine Bombe anlässlich des Urteils zum Paragrafen 218 vor dem Bundesverfassungsgericht zündeten. Befreiung hat in unserer Gesellschaft etwas mit Zerstörung zu tun. Zerstörung der Strukturen, die uns an unsere Frauenrolle ketten wollen. Und diese Strukturen lassen sich nur zerstören, wenn wir die Verhältnisse, die uns kaputtmachen wollen, angreifen. Angreifen in den vielfältigsten Formen, aber immer verbunden mit unserem unversöhnlichen Hass auf diese Gesellschaft. Die bewaffnete Form des Angriffs ist für uns ein unverzichtbarer Teil des Frauenkampfes. Diese Position ist […] in der Frauenbewegung kaum entwickelt.“
Ebenfalls in den 70ern wurde Gewalt gegen Frauen zentrales Thema der Frauenbewegung – vor allem auch international. In Deutschland fanden Publikationen von Feministinnen zum Thema jedoch nicht die gewünschte Aufmerksamkeit. Reaktion: Wir helfen uns selbst. Zum Beispiel durch den Aufbau von Frauenhäusern aber auch Gegengewalt um andere Betroffene patriarchaler Gewalt zu ermutigen sich zu wehren. Eine Protestwelle und Empörung wurden beispielsweise mit dem Erscheinen des Films „Die Geschichte der O.“ 1975 ausgelöst, der 2 Millionen Menschen in die Kinos zog. Der Inhalt des Films: die Geschichte „einer jungen Frau, die es zu genießen scheint von Männern vergewaltigt gefoltert und erniedrigt zu werden“. Die Antwort von Feministinnen war das Urinieren in Kinosälen und das Bewerfen der Leinwände mit Eiern und Stinkbomben. Der Gewaltbegriff gegen Frauen wurde hier bereits umfassend definiert und als strukturelles Problem erkannt sowie Ursachen der Gewalt ausgemacht, unter anderem die Objektifizierung des weiblichen Körpers und erzwungene Heterosexualität. Antworten auf die herrschende patriarchale Gewalt waren Unterstützungsnetzwerke für von Gewalt betroffenen Frauen, Straßenproteste, Bildung, Gerichtsverfahren, Selbstverteidigung, direkte Aktion gegen Vergewaltiger und deren Anwälte – alles unter der Devise, dass sich die Betroffenen patriarchaler Gewalt selbst helfen mussten, da von anderen Seiten keine Hilfe zu erwarten war.
Gegengewalt wurde in keinem anderen Bereich der feministischen Bewegung so intensiv als gerechtfertigtes und notwendiges Mittel diskutiert wie im Kontext von Vergewaltigung beziehungsweise patriarchaler Gewalt im Allgemeinen.
In den 80er Jahren nahmen direkte Aktionen gegen Vergewaltiger und deren Anwälte zu. Innerhalb der Linken und der Frauenbewegung wurden diese Aktionen äußerst kontrovers gesehen und diskutiert, besonders die männlichen Genossen schienen die Gegenwalt nicht als gerechtfertigt anzusehen.
Aktionen gegen den linken Anwalt Becker, der vor Gericht einen mutmaßlichen Vergewaltiger vertrat, lösten besonders heftige Debatten aus. In einer Stellungnahme, die in der taz veröffentlicht wurde und einem Foto, dass Parallelen zur Entführung von Peter Lorenz durch die Bewegung 2. Juni aufwies, prangerten die Aktivistinnen Becker öffentlich an. Ermutigt durch Aktionen wie diese und sicherlich auch zumindest teilweise positive Äußerungen zu dem Angriff auf Becker, wie die von ausschließlich MitarbeiterINNEN der Taz, in der sie äußerten, dass sich „linke Solidarität anscheinend auf Solidarität unter Männern beschränke, und hervorhoben, dass eine körperliche Vergewaltigung […] die äußerste Spitze vom Eisberg der patriarchalen Gewalt sei.“ schlossen sich vereinzelt Frauengruppen zusammen um sich gegen Männer zur Wehr zu setzten, die sie vergewaltig hatten. So „besuchte“ 1982 beispielsweise eine Gruppe von 20 Frauen einen Mann in Bremen der am Vorabend eine von ihnen vergewaltigt hatte. Einen Monat später folgte ein ähnliches Vorgehen von Frauen in Hamburg nach einer Vergewaltigung.
Was für uns vielleicht als „weit weg“, unrealistisch, streitbar oder kontrovers erscheint, ist im internationalen Kontext längst ein Mittel von Frauen und FLINTA sich täglich gegen patriarchale Gewalt zur Wehr zu setzten.
Der Bloque Negro in Mexiko ist ein Kollektiv radikaler feministischer Aktivistinnen. Sie sind von Kopf bis Fuß schwarz vermummt, um jedes Detail ihrer Identität zu verdecken und tragen Schwarz als Ausdruck für ihre Wut und ihren Nonkonformismus. Während die vorherige Generation der Frauen still protestierte, ist der Bloque Negro laut, unübersehbar und kompromisslos.
In einem Land, in dem jährlich über 4000 Frauen ermordet werden, also jeden Tag durchschnittlich 10 Frauen Opfer eines Femizids werden und 99% der Täter ungeschoren davonkommen, wehren sie sich dagegen und kämpfen entschlossen. Ob durch Vandalismus oder Hausbesetzungen wie die der Nationalen Menschenrechtskommission in Mexiko-City, welches sie in ein Frauenhaus umwandelten – hinterlassen sie Spuren und nehmen sich ihren Raum. Sie üben sich in Selbstverteidigung, schützen andere Demonstrantinnen vor Polizeigewalt und handeln nach ihrer Maxime: „Der Mann und die Polizei sind eine Bedrohung und gehören mit Waffen bekämpft“. Ihr Ziel ist es, das Patriarchat zu stürzen und Angst bei der männlichen Bevölkerung Mexikos zu verbreiten. Die neue feministische Welle will „weder vergeben noch vergessen“ und „kämpft heute, um morgen nicht zu sterben“.
Ni Una Menos und Marea Verde sind zwei der wichtigsten feministisch-militanten Bewegungen in Lateinamerika, die untrennbar miteinander verbunden sind, jedoch unterschiedliche Schwerpunkte haben.
Ni Una Menos, gegründet 2015 in Argentinien, entstand als direkte Reaktion auf den grausamen Mord an der 14-jährigen Chiara Páez und die steigende Zahl von Femiziden. Innerhalb kürzester Zeit mobilisierten sie Hunderttausende und forderten durch entschlossene Proteste nicht nur die Gesellschaft zu mehr Bewusstsein auf, sondern auch eine radikale politische Umstrukturierung, um gegen die Straflosigkeit bei Gewalttaten an Frauen vorzugehen und endlich Frauen zu schützen. Ihre Slogans wie „Ni Una Menos“ („Nicht eine weniger“) sind zu einem Symbol für den Widerstand gegen Femizide geworden und hat eine neue Welle des feministischen Aktivismus in Lateinamerika ausgelöst.
Marea Verde, die „Grüne Welle“, begann als Bewegung für das Recht auf Abtreibung und wurde zu einer der sichtbarsten feministischen Strömungen in Argentinien und darüber hinaus. Der grüne Schal, das Symbol von Marea Verde, steht für den entschlossenen Widerstand gegen patriarchale Normen und die unnachgiebige Forderung nach sicheren, legalen und kostenlosen Abtreibungen.. Marea Verde hat den Druck auf die Regierung so massiv erhöht, dass sie 2020 in Argentinien die Abtreibungsgesetze reformierten – ein historischer Sieg.
Beide Bewegungen sind ein Symbol feministischen Widerstands, der keine Kompromisse kennt. Ni Una Menos fordert Gerechtigkeit für die Opfer von Gewalt, Marea Verde für die sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung der Frauen. Gemeinsam bilden sie eine unerschütterliche Front, die nicht nur gegen die Gewalt in der Gesellschaft, sondern auch gegen die tief verwurzelten patriarchalen Strukturen kämpft. Ihre gemeinsame Stärke liegt in der Solidarität und der unermüdlichen Forderung nach einer gerechteren und gleichberechtigteren Gesellschaft.
Die Gulabi Gang aus Indien ist eine Armee des Widerstands – mutig, entschlossen und unübersehbar. Gegründet von Sampat Pal Devi, die sich nicht länger mit der Unterdrückung der niedrigsten Kasten abfinden wollte, ist sie heute eine Bewegung von über 150.000 Frauen. Ihr Markenzeichen, der rosa Sari zeigt nicht nur ihre Zugehörigkeit zu dieser Gruppe, sondern steht für ihren Kampf gegen patriarchale Strukturen. Die Gulabi Gang kämpft entschlossen gegen die Unterdrückung von Frauen aller Kasten und setzt sich für ihren Schutz vor häuslicher Gewalt und sexueller Übergriffe ein. Ihre Gründerin erklärte einmal: „Ja, wir bekämpfen Vergewaltiger mit Lathis [großen Bambusstäben]. Wenn wir den Täter finden, verprügeln wir ihn, bis er sich nicht mehr traut, jemals wieder einer Frau oder einem Mädchen etwas anzutun.“ Suman Singh, eine spätere Anführerin der Bewegung, bekräftigte: „Wenn eine Frau der Gulabi Gang beitritt, dann, weil sie Ungerechtigkeit erlitten hat, unterdrückt wurde und keinen anderen Ausweg mehr sieht. Unsere Frauen können sich den Männern stellen – und wenn nötig, mit Lathis Vergeltung üben.“
In Kenia gibt es die Gruppe der Shosho Jikinge, was auf Swahili „Großmutter, schütz dich“ bedeutet, in einem der größten Slums von Nairobi.
Sie besteht aus Frauen im Alter von 55 bis 106 Jahren, die sich in Selbstverteidigung und Kickboxen schulen, um sich gegen Übergriffe zu verteidigen. Gegründet von Beatrice Nyariara, setzt sich die Gruppe gegen Übergriffe auf ältere Frauen ein, die häufig Opfer von Gewalt und Missbrauch werden, besonders in den Armenvierteln. Nyariara, die sich selbst erfolgreich gegen einen Einbrecher verteidigte, zeigt mit ihrem Training, wie ältere Frauen ihre Sicherheit durch Selbstermächtigung stärken können. Ihre Bemühungen haben dazu beigetragen, die Zahl der Übergriffe zu reduzieren und das Selbstbewusstsein der Frauen zu steigern
Diese Gruppen – der Bloque Negro, die Gulabi Gang, die Shosho Jikinge und Ni una menos – kämpfen auf ihre Weise, aber alle eint das gleiche Ziel: Emanzipation, das Recht auf Selbstbestimmung und das Ende der Gewalt. Sie sind mutige Kämpferinnen, die nicht nur für sich selbst, sondern für alle Frauen und FLINTA auf dieser Welt eintreten. Das ihr Kampf auch unser Kampf ist, wird einmal mehr deutlich, blicken wir auf die neusten Zahlen geschlechtsspezifischer Gewalt.
Sie zeichnen ein erschreckendes Bild: Vergangenes Jahr wurden allein in Deutschland 938 Mädchen und Frauen Opfer von versuchten oder vollendeten Tötungsdelikten – das sind ein Drittel aller Tötungsopfer. Die meisten dieser Taten stehen in Zusammenhang mit partnerschaftlichen Beziehungen.
2023 wurde nahezu jeden Tag ein Femizid begangen.
Darüber hinaus wurden über 52.000 Frauen und Mädchen Opfer von Sexualstraftaten – mehr als die Hälfte der Betroffenen war dabei unter 18 Jahre alt. Mehr als 70% der Opfer häuslicher Gewalt sind weiblich – und die Zahlen steigen weiter. Besonders alarmierend ist auch der Anstieg von Fällen im Bereich Menschenhandel und sexueller Ausbeutung, bei denen Frauen und Mädchen unter 21 Jahren fast ein Drittel der Betroffenen ausmachen.
Diese Zahlen zeigen, dass patriarchale Gewalt kein Randproblem, sondern eine systemische Realität ist. Jede siebte Frau in Deutschland hat sexualisierte Gewalt erlebt, mehr als die Hälfte sexuelle Belästigung. Besonders betroffen sind Frauen mit Behinderungen: Jede dritte bis vierte hat in ihrer Kindheit und Jugend sexualisierte Gewalt erfahren – zwei- bis dreimal häufiger als der Bevölkerungsdurchschnitt. Und auch die Straftaten gegenüber queeren Menschen nehmen stetig zu.
Wir könnten diese Liste noch eine Weile fortsetzen, doch ganz deutlich wird schon jetzt: In ALLEN Formen patriarchaler Gewaltausübung steigen die Betroffenenzahlen schon seit Jahren.
Diese grausame Realität wird längst von einer Gesellschaft getragen, die weghört. Und die Verzweiflung, nicht gehört zu werden ist auch im Kreis der eigenen Genoss*innen nicht neu. Das haben wir bereits am „Tomatenwurf“ von 1968 gesehen und das bemerken wir auch heute noch deutlicher denn je.
Doch historische und internationale Kämpfe von sich wehrenden FLINTA* geben uns Hoffnung. All die Beispiele von vorhin inspirieren uns, unsere Kämpfe ebenfalls in die Öffentlichkeit zu tragen, mehr Druck auszuüben und zu zeigen: Es reicht!
Wir nehmen das nicht länger hin, denn wenn Staat und Gesellschaft uns nicht schützen, ist es an der Zeit, uns selbst zu verteidigen. So braucht es feministische Militanz als ein bitter nötiges Mittel, um endlich gehört zu werden und deshalb bleiben wir laut und möchten diesen Redebeitrag mit einem Ausschnitt einer Stellungnahme der schon vorhin erwähnten Gruppe „Rote Zora“ beenden. „Unser Traum ist, dass es überall kleine Frauenbanden gibt – wenn in jeder Stadt ein Vergewaltiger, ein Frauenhändler, ein prügelnder Ehemann, ein frauenfeindlicher Zeitungsverleger, ein Pornohändler, ein schweinischer Frauenarzt damit rechnen und sich davor fürchten müsste, dass eine Bande Frauen ihn aufspürt, ihn angreift, ihn öffentlich bekannt und lächerlich macht.“
Alerta!
