Anomalie oder Laboratorium? Das Prinzip Berlusconi und die verschlissene italienische Linke

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Nit-40: Italia: Anomalie oder Laboratorium?
Das Prinzip Berlusconi und die verschlissene italienische Linke

Auf der kollektiven Europakarte der radikalen Linken war Italien lange Zeit als “Laboratorium” verzeichnet, weil hier früher und dichter als anderswo soziale Kämpfe stattfanden, die später auch in anderen Ländern virulent wurden. Was dabei oft vergessen wurde ist, dass dies nicht nur für die 60er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, die großen Fabrikkämpfe, die Hausbesetzungen, die Centri Sociali und den neuen Typus des “gesellschaftlichen Arbeiters” gilt, sondern auch für die 10er und 20er Jahre, also die Eroberung der politischen Macht und die politische Hegemonie des Faschismus Mussolinis.

Die Verhältnisse unter Berlusconi lassen das von der Linken lange ausgeblendete Italien der 20er Jahre aufscheinen: Das sang- und klanglose Verschwinden der mitgliederstärksten und bei Wahlen erfolgreichsten kommunistischen Partei außerhalb der Sowjetunion, der Kollaps des nach dem Zweiten Weltkrieg etablierten Parteiensystems und die kaum zu überschätzende soziale Verankerung der Lega Nord als „Heimatgewerkschaft” (Aldo Bonomi) sind nur einige der jüngsten Entwicklungen im politischen System Italiens. Die Rechten haben den Stil der politischen Aktionen übernommen, die im vorigen Jahrhundert zu linken Parteien und Bewegungen gehörten. Diese wurden angereichert mit teils offen faschistischen Bürgerwehren und einer nie gekannten Mediendiktatur. Andere europäische Länder wie Ungarn, Österreich oder die Slowakische Republik haben bereits ihren eigenen Modus des Rechtspopulismus gefunden.

Stellt sich die Frage, wie es gelingen konnte, die neue Klasse der selbständigen ArbeiterInnen, die mit der Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse und der Deregulierung des Sozialstaats ab Anfang der 80er Jahre entstanden war, auf einen rechtsextremen Populismus einzuschwören. Was macht die Attraktivität eines rechtsliberalen Programms aus, das in erster Linie auf unbegrenzte Bereicherungsmöglichkeiten für eine wirtschaftliche Elite und Ausländerhass setzt? Aus welchen Gründen konnte diese politische Dynamik auch viele der ehemaligen AktivistInnnen der “autonomia operaia” erfassen?

Diese und andere Fragen stellt Nitribitt an Klaus Neundlinger (Wien und Neapel), der zahlreiche Texte und Bücher von Sergio Bologna und Paolo Virno übersetzt hat (zuletzt: Grammatik der Multitude, Turia & Kant 2006).

Freitag, 27. November, 20 Uhr
Karl Marx Buchhandlung, Jordanstraße 11, 60486 Frankfurt am Main