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Blühende Nischen

Die Zeitschrift Testcard #19 mit dem Schwerpunkt „Blühende Nischen“ erschien zwar schon im März, bei unkultur mahlen die Mühlen aber langsamer und ich bekam die Ausgabe erst vor kurzem in die Hand.

Sehr interessant fand ich die Ausführungen im Artikel von Martin Büsser in „Das Ende der Pop-Relevanz und das Wuchern der Nischen“. Allerdings fragte ich mich, ob diese nicht eine Fortschreibung des „Mainstream der Minderheiten“-These der 1990er Jahre darstellen. Martin Büsser beschreibt den Wandel als Verlust eines musikalischen Kanons innerhalb der Rezeption von Musik sowie des Schwindens von Publikum als Masse: „Neue, auf Pop gegründet Jugendbewegungen, wollten sich einfach nicht mehr bilden.“ Nur wird man hier keine Antworten erhalten, wenn man nur darauf schaut, was fehlt und den Wandel versucht in den Kategorien von Jugendsubkulturen zu erfassen. Was ist denn dort, wo früher Bewegung gewesen wäre? Andererseits: interessiert mich das wirklich? (Der Beitrag von Jasper Nicolaisen über Bildproduktion im Internet geht in diese Richtung. Am Ende landet man bei allerhand obskuren und interessanten Phänomenen, mit Musik hat das alles nichts mehr zu tun.)

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Wollen und Dürfen

“Guido und Michael: Warum wir kein Kind wollen. Das verriet der Lebensgefährte von Viezekanzler Westerwelle” und ist in einem Artikel in der Hamburger Morgenpost vom 1. Juli nachzulesen.1 Als Powercouple sind der Sportmanager Michael Mronz und Guido Westerwelle, zurzeit Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, sehr eingespannt. Mir ihren besonderen Lebensumständen werden sie einem Kind nicht gerecht, und so nutzen sie die verbleibende Qualitätszeit lieber für die Pflege ihrer Beziehung und um Zeit mit Freunden zu verbringen.

Kein Wort darüber, dass homosexuelle Paare in Deutschland nicht das Recht haben, gemeinsam ein Kind zu adoptieren. Stiefkindadoption ja, gemeinsame Adoption eines Kindes nicht. Mronz oder Westerwelle, die nicht verpartnert sind, könnten es höchstens als Einzelpersonen versuchen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat derweil festgestellt, dass der Begriff “Familie” nicht auf heterosexuelle Paare zu beschränken sei. Das wäre doch mal ein Ansatzpunkt für die FDP. Aber vielleicht hat Westerwelle ja Lee Edelman gelesen.

  1. Die Aussagen stammen aus einem Interview in der Bunten, nachzulesen auch bei der Abendzeitung

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Neoliberale Gefühle

Desiring Just Economies – Just Economies of Desire war eine dreitägige Konferenz am letzten Wochenende in Berlin, die vermutlich nur hochgradig spezialisierte Wissenschaftsjournalist_innen sinnvoll zusammenfassen können. Ich fand es inspirierend, kompliziert und lustvoll, angefangen bei Lisa Duggans Keynote, die den Begriff “Feeling” aufs Tablett legte, über die vielen tollen Paper und Vorträge aus postkolonialer, crip und queerer Perspektive bis hin zu Ann McClintocks hinreisend un-akademischen Abschlussvortrag über ihre Kindheit in Südafrika und ihre Erforschung der New Yorker Dominatrix/BDSM Szene.

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Digitale und analoge Überforderung

Ich komme gerade aus der Unibibliothek mit Schirrmachers “Payback” in der Hand, steige in den Aufzug in den 8. Stock und beginne ein bisschen zu lesen. Wie üblich hält der Aufzug auf fast jeder Etage. So komme ich ein paar Seiten weit und erfahre, dass sich Schirrmacher von den digitalen Medien, dem Internet und den ganzen Gerätschaften überfordert fühlt. Sein Kopf kommt nicht mehr mit. “Nicht mehr lange, und ich könnte Ehrenmitglied jener wachsenden Gruppe von Japanern werden, die nicht nur systematisch ihre U-Bahn-Station verpassen, sondern mittlerweile auch immer häufiger vergessen, wie die Station überhaupt heißt, an der sie aussteigen müssen.” Der Aufzug hält im siebten Stock und ist leer. Ich schaue auf die Anzeige und sehe: Es hat niemand auf die Taste 8 gedrückt. Der Aufzug fährt nach unten.

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Donnerstag, 8. Juli 2010, 18.00 Uhr // Vortrag und Diskussion mit Vertreter_innen des »Arbeitskreises zum ehemaligen Mädchenkonzentrationslager Uckermark«

Donnerstag, 8. Juli 2010, 18.00 Uhr // Vortrag und Diskussion mit Vertreter_innen des »Arbeitskreises zum ehemaligen Mädchenkonzentrationslager Uckermark« Eine Veranstaltung des Arbeitskreis Geschichte im ehemaligen Polizeigefängnis »Klapperfeld« (Klapperfeldstraße 5, 60313 Frankfurt)

Das Mädchenkonzentrationslager Uckermark wurde im Frühjahr 1942 von Häftlingen des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück errichtet. 1945 zählte das Lager ca. 1000 Mädchen und junge Frauen. Ein Erlaß von 1937 über die »vorbeugende Verbrechensbekämpfung« hatte die Inhaftierung von als »asozial« kriminalisierten Mädchen möglich gemacht.

Im Januar 1945 wurde auf dem Gelände ein Vernichtungslager für Häftlinge aus Ravensbrück gebaut. Bis April 1945 wurden dort ca. 5000 Frauen umgebracht.

Bis heute ist wenig über die Geschichte dieses Konzentrationslagers bekannt. Die dort Inhaftierten zählten lange Zeit zu den »vergessenen Verfolgten« des Nationalsozialismus und haben keine öffentliche Anerkennung erfahren.

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Vortragseinladung 30.06.2010 – Geschlecht & Behinderung

Dr. Anke Langner
Geschlecht und Behinderung: Zwei soziale Konstrukte treffen aufeinander
Mittwoch, 30. Juni 2010, 19ct, Von Melle Park 5 (“Wiwi Bunker”) 0079
Mit DGS- & Schriftmittlung

Anke Langner, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Modellkolleg der Universität zu Köln stellt uns ihre Forschungsergebnisse zu Geschlecht in der Behindertenpädagogik vor. Doch sollte die Ableismuskritik auch praktische Konsequenzen haben, deshalb wird es Mittwoch sowohl Schriftmittlung, als auch Übersetzung in DGS (Deutsche Gebärdensprache) geben.

Die Referierende zu ihrem Vortrag

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Montag, 5. Juli 2010, 20.00 Uhr // Alltägliches Verbrechen im Ausnahmezustand? Sexuelle Gewalt im Krieg und Sex-Zwangsarbeit in NS-Konzentrationslagern

Montag, 5. Juli 2010, 20.00 Uhr // Vortrag und Diskussion mit Dr. Regina Mühlhäuser (Institut für Sozialforschung Hamburg), Moderation: Sybille Steinbacher | Eine Veranstaltung des AK-Geschichte in Kooperation mit dem Fritz Bauer Institut

ob im Zweiten Weltkrieg, beim Konflikt im Kongo, oder während des militärischen Einsatzes im Irak – sexuelle Erniedrigung und Vergewaltigung sind Teil des Kriegs. Aber um was für ein Gewaltphänomen handelt es sich eigentlich? Auf welche Weise ähneln oder unterscheiden sich Kriegsvergewaltigungen von sexuellen Angriffen im friedlichen Alltag? Und warum ist sexuelle Gewalt gegen Männer bis heute ein Tabu?

Um Fragen wie diese zu beantworten, haben Forscherinnen und Forscher in den letzten Jahren begonnen, das Ausmaß und die Formen sexueller Gewalttaten in bewaffneten Konflikten detaillierter zu beschreiben. Sie untersuchen, ob es eine transkulturelle Übereinkunft gibt, nach der Soldaten davon ausgehen können, quasi uneingeschränkten Zugriff auf weibliche Körper zu haben. Darüber hinaus dokumentieren sie, wann, warum und auf welche Weise Armeeführungen die sexuellen Gewalttaten ihrer Soldaten fördern oder einschränken.

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Mitten drin statt nur dabei

„Doch Berardi hat seine Zweifel an diesem klassischen Störszenario. Paul Virilios Plädoyer für ein neues Zeitverständnis, für Langsamkeit, für Momente des Innehaltens ist unpolitisch. Es fehlt die Auseinandersetzung mit den real existierenden Arbeitsbedingungen im Neoliberalismus – Verinnerlichung des Konkurrenzprinzips, der Aspekt der Freiwilligkeit von langen Arbeitszeiten und der Einsatz von Drogen und Tabletten zur Bekämpfung struktureller Krankheiten wie Panik und Depression.

Wie Mark Fisher fordert auch Berardi, die Malaise namens Semiokapitalismus zu analysieren, bevor wir anfangen, wieder von revolutionären Subjekten und der Befreiung der kollektiven Phantasie zu träumen.“

Geert Lovink – Was uns wirklich krank macht in der FAZ vom 22.06.2010

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Fussballstreik – Die französische Alternative zu „inneren Reichsparteitagen“

Von der sehr wahrscheinlich homophoben Farbe der Beschimpfung, die ein französischer Spieler verlautbart haben soll, als sein Trainer ihn zu mehr Leistung ermahnte, einmal abegesehen sympathisiere ich aufs äußerste mit der Idee des Streikes gerade in diesem Sport. Dieses patriotische Idyll an seinen Widersprüchen zu zerbrechen und in Klassenkampf aufgehen sehen kann jeden Freund Marx’scher Theoreme nur in gehässige Fröhlichkeit stimmen.

Die feudalen Reste deren sich die kapitalistischen Organisationsweisen bedienen sind im Fußball mehr als präsent. Der Trainer als deligierter Intellekt, der seine entgeisteten Maschinen auf dem Platz organisiert. Die Spieler, die unter ständigem von den Maoisten abgeschauten Rapporzwang stehen, über die immer gleichen Befindlichkeiten nach Sieg und Niederlage zu räsonieren und Besserung zu geloben. Das Environment des Stadions, in dem infernalischer Lärm, Verletzungsgefahr und klimatische Bedingungen die Fabriken des 19. Jahrhunderts aufleben lassen. Die Torprämie, die den Akkord der Spieler durchsetzt. Und eine gehässige Öffentlichkeit, die jede Druckstelle der Ware, die sie gekauft hat, aufs eifersüchtigste bekrittelt.

Dass nun ein Vorarbeiter dieses Systems, ein ideeller Gesamtpatriot, in seinem Narzissmus gestört wurde, hat weitreichende Konsequenzen für das Gesamtsystem.

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Israelische Verteidigung

Die IDF-Seiten aufzusuchen ist kein großes Kunststück. Man trüge durch diesen Mindeststandard dazu bei, die Narratio um die Flotilla-Intervention zu glätten. Gegen den Vorwurf, Israel habe sich den Ausnahmezustand angeeignet und internationale Gesetze missachtet liest sich der folgende Bericht:

Interception of the Gaza flotilla-legal aspects.

Fazit: Die Aktion war innerhalb des geltenden internationalen Rechts legal, da bei einer rechtmäßigen Seeblockade auch ein Schiff aufgebracht werden kann, das kurz vor der Durchbrechung einer Blockade steht und in eindeutiger Absicht dahingehend handelt. Durch das Ausschlagen des Angebotes des freien israelischen Geleites zum nächsten israelischen Hafen trat dieser Fall in Kraft.

Schleierhaft ist vielen die Absicht der Flotilla-Mitglieder – ging es etwa darum, das Schiff nach Hausbesetzermanier militant zu verteidigen im Wahn, möglicherweise damit bis nach Gaza durchzukommen? Dafür sprächen die primitiven Waffen. Weitere Klarheit darüber bringt folgende Differenzierung:

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