Du sollst (k)einen anderen Gott haben neben mir

Thesen zum Verhältnis von Religion und Moderne

von Lothar Galow-Bergemann

Zuerst erschienen bei krisis – Kritik der Warengesellschaft.

Dieser überarbeitete Text beruht auf einem Zoom-Vortrag vom 11. Juni 2021, der hier einsehbar ist (ab der Zeitmarke 47:50).

1. Modern sein kann auch, was vor der Moderne
entstand

Wann die Sache mit dem Patriarchat anfing, ist ungeklärt. Klar
ist, dass es weit vor der kapitalistischen Moderne war. Sein Kern ist
die hierarchische Spaltung in superiore Männlichkeit und inferiore
Weiblichkeit. Abgesehen davon ist es äußerst anpassungs-,
überlebens- und modernisierungsfähig. Entstanden als Herrschaft des
allmächtigen Clanchefs, der über Leben und Tod entscheidet – und
bis heute noch nicht einmal insoweit wirklich überwunden -,
vermochte es sich in der Moderne sogar in der Logik des Kapitals
einzunisten: als Abspaltung des Werts von seiner unverwertbaren,
gleichwohl notwendigen und als weiblich konnotierten Rückseite.
Während sein rein äußerliches Gewaltverhältnis in vielerlei Form
auch in der Moderne weiterbesteht, wandelte sich das Patriarchat
gleichzeitig dem Warenfetisch an und transformierte sich in eine
gesellschaftliche Realität, die praktisch den Dingen selbst inhärent
ist. Warenproduzierendes Patriarchat ist ein anderes,
treffenderes Wort für Kapitalismus. Das uralte Patriarchat ist
quicklebendig in altem und in modernem Gewand. Es ist nicht
nur kompatibel mit der Moderne, es strukturiert sie auch.

Religionen werden, wie von jeder anderen Gesellschaftsform, auch
von der kapitalistischen Moderne geprägt und modifiziert. Im Kern
bleiben sie, was sie immer waren: menschengemachte „höhere
Mächte“. Als Welterklärungen und -anschauungen stiften sie
Identität und soziale Bindekraft und beruhen auf Glauben und
Nichtglauben. Glauben an höhere Mächte, die über dem
Menschen stehen und denen er sich vor und sogar noch nach seinem Tod
fügen muss. Es ist zugleich ein Nichtglauben an die Fähigkeit
des Menschen zur Selbstbestimmung. Vor allem aber findet sich auch
hier wieder die hierarchische Spaltung in superior und inferior.
Diese Gemeinsamkeit von Patriarchat und Religion ist kein Zufall. In
diesem Kosmos der Unterwerfung bewegen sich selbst feministische
Theolog*innen, die – zitternd vor ihrer eigenen Courage – eine
„Göttin“ anrufen. Herrschaft bleibt Herrschaft, auch mit einer
Frau an der Spitze. Das Gestrüpp aus Religion und Patriarchat
nachzuzeichnen, würde ein ganzes Buch füllen. Es scheint nahezu
unentwirrbar, weil es fest und dicht miteinander verwachsen ist.

Heute leben wir in einer kapitalistischen Welt. Der abstrakten
Herrschaft des Werts unterworfen und somit in einer Gesellschaft der
vereinzelten Einzelnen, sprich: in der Welt der modernen
Konkurrenzsubjekte. Und doch ist die gesellschaftliche Wirklichkeit
der Menschen mit diesen Zuschreibungen nicht umfassend und
hinreichend beschrieben. Denn die Welt ist nicht von A bis Z
durchkapitalisiert. Schon gar nicht an jedem Ort, in jedem
gesellschaftlichen Bereich und in jeder Gehirnwindung auf dem
gleichen Niveau. Vieles, was nicht warenförmig ist und daher nicht
im Wert aufgeht, hat dennoch eine ganz eigene Gewalt über Menschen
und erscheint für ihre Lebenswirklichkeit als alles andere denn als
eine inferiore gesellschaftliche Sphäre. Patriarchal strukturierte
Verwandtschaftsverhältnisse und sonstige wechselseitige
Abhängigkeiten, religiös geprägte kulturelle Gepflogenheiten und
insbesondere der Bereich, wo beide sich treffen wie Heirat, sexuelle
Ge- und Verbote u.v.m., haben große Macht über sehr viele Menschen
und üben – mal mehr, mal weniger – großen Einfluss auf Leben
und Schicksal von Abermillionen Menschen aus. Der Einfluss von
Religion ist gerade in solchen, alles andere als marginalen
Beziehungsformen, mit Händen zu greifen. Es ist jedenfalls nicht mit
dem warenproduzierenden Patriarchat erklärbar, dass die
gesellschaftliche Stellung der Frau auffällig dort am schwächsten
ist, wo Religion den größten Einfluss hat: bei Evangelikalen und
Islamisten, Katholiken und Orthodoxen. Veranstaltet das moderne
Konkurrenzsubjekt als solches die Massendemonstrationen gegen
Homosexuelle? – Eher nicht. Aber wer feiert dann eigentlich den Tag
gegen Homophobie? Weder Genitalverstümmelung noch die Angst vor dem
strafenden Vater oder vor der Hölle sind Schöpfungen der Moderne.
Sie sind uralt, stammen aus jenem Gebräu aus Patriarchat und
Religion und verletzen bis heute jeden Tag Massen von Menschen
physisch und psychisch.

Die Wirkmacht von Religion kann je nach Stärke gegenläufiger
Faktoren individuell wie gesellschaftlich zurückgehen oder
anwachsen. In Zeiten weltweiter tiefer Krisen wie der heutigen hat
sie gute Karten. Wo die Kapitalverwertung den gesellschaftlichen
Zusammenhang immer weniger herstellen kann und immer mehr abgehängte
Menschen und Regionen hinter sich lässt, gewinnen gegenseitige
Beziehungsformen und Verpflichtungsverhältnisse personaler anstelle
warenförmiger Art unmittelbare Bedeutung für das Überleben von
Millionen. Weil die Religion aber gerade in diesen Beziehungsformen
wie der Fisch im Wasser schwimmt, vermag sie heute wieder eine
wachsende Bedeutung zu gewinnen. Religion ist zäh sowie äußerst
anpassungs- und überlebensfähig. Auch in der modernen Gesellschaft
ist sie ein eigenständiger und wirkmächtiger Faktor geblieben. Und
wo sie auftaucht, hat sie fast immer besonders restriktive Formen des
Patriarchats im Schlepptau.

2. Religiöse Versprechen haben Vorteile vor
den kapitalistischen

Kapitalismus und Aufklärung erheben im Gegensatz zur Religion den
Anspruch, das Ausgeliefertsein der Menschen an imaginierte höhere
Mächte zu überwinden. Aber sie lösen ihn nicht ein. Das
postulierte „freie und autonome Subjekt“ blamiert sich an der
gesellschaftlichen Realität, die von der abstrakten Herrschaft des
Werts geprägt ist. Auch die kapitalistische Moderne liefert die
Menschen „höheren Mächten“ aus. Hierbei handelt es sich im Kern
um den allgegenwärtigen Zwang, sich der Wertverwertung – mitsamt
ihren vielfältigen Erscheinungsformen wie etwa
Geld-Verdienen-Müssen, Leistungszwang, unersättliches Wachstum etc.
– zu unterwerfen. Dabei gebiert sie auch entsprechende
intellektuelle und emotionale Verarbeitungsweisen dieses Zwangs.
Dieser Zustand wird entweder affirmiert („Das ist halt Natur“),
lustvoll besetzt („Leistungsträger versus Loser“) oder in
falscher Opposition personalisiert („Die Gierigen beherrschen
uns“).

Religion verspricht Erlösung aus dem Elend. Auch die
kapitalistische Moderne tut das, aber ihr Versprechen muss sich im
Hier und Jetzt beweisen. Resultate, die nicht überzeugen, ziehen
Legitimationsprobleme nach sich. Religion hat für das Hier und Jetzt
immerhin das bessere Gefühl im Angebot, wie schlimm die Zustände
auch sein mögen. Im Übrigen ist sie viel freier von irdischen
Zwängen, weil sie immer darauf hinweisen kann, dass die Belohnungen
erst im Jenseits gewährt werden. Seien es 72 Jungfrauen, der „Schatz
im Himmelreich“ oder ewige Glückseligkeit – gemeinsam ist diesen
Versprechen ihre Unüberprüfbarkeit. Ihre Strahlkraft wächst
deswegen sehr zuverlässig in Zeiten persönlicher wie
gesellschaftlicher Krisen, Perspektivlosigkeit und Desillusionierung.
Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte und ist keine
Besonderheit der Moderne. Schon während der Antoninischen Pest im 2.
Jahrhundert n.u.Z. boomte der Apollokult. Und die mittelalterliche
Pest füllte die Kirchen mehr denn je. Die Konjunktur von
Religiosität in Krisenzeiten ist kein „Rückfall ins Vormoderne“,
sondern das periodische Wiederaufflammen eines Schwelbrandes, der
sich seit Jahrtausenden durch die Menschheitsgeschichte frisst. Der
Sturm der Krisen facht die Glut immer wieder neu an. Der
vorübergehende „Rückgang der Religiosität“ in den 60er bis
80er-Jahren des letzten Jahrhunderts in bestimmten Weltregionen war
nicht der „Rationalität des Kapitalismus“ geschuldet (die es
faktisch nur als irrationale Binnenrationalität, also nicht wirklich
gibt), sondern der vergleichsweise geringen Krisendynamik und dem
Aufschwung emanzipatorischer Bewegungen.

Die Bedeutung von Religion als Hilfsmotor und Ersatz
gesellschaftlicher Verknüpfung erweist sich nicht nur dort, wo
warenförmige Beziehungen noch nicht einmal das nackte Überleben
sichern können; sondern auch dort, wo dieses Problem zwar (noch)
nicht besteht, aber immer mehr Menschen aus guten Gründen an der
angeblichen kapitalistischen Rationalität verzweifeln. Und aus
schlechten Gründen bei den diversen esoterischen Angeboten auf dem
Ramschmarkt der Sinnsuche fündig werden. Auch im Tränenmeer der
Seele bewegt sich Religion seit jeher wie der Fisch im Wasser.

3. Religion steht für Unterwerfung und
für Auflehnung

Die Welt, die von „höheren Mächten“ regiert wird, zu
akzeptieren und sich ihnen zu unterwerfen, war immer nur ein
Aspekt von Religion. Bereits in ihrer Absicht, sich durch Arrangieren
mit den „höheren Mächten“ besser einzurichten, schimmert auch
ein anderer Anspruch durch: die Welt nicht so zu akzeptieren
wie sie ist. Religion vereint diese zwei gegensätzlichen Wünsche ab
ovo in sich. Affirmation und Rebellion sind in ihr angelegt. Nicht
nur in den frühneuzeitlichen Bauernkriegen suchten und fanden
aufständische Bewegungen Munition in ihr, wie beispielsweise in der
Theologie ihres Anführers Thomas Müntzer. Zusätzliche Dynamik
erhielt die Nichtakzeptanz „der Welt so wie sie ist“ mit der
Gut-Böse-Dichotomie (siehe hierzu auch den Beitrag von Peter Samol
in dieser Reihe) und dem notwendig daraus folgenden kompromisslosen
Kampf gegen „das Böse“ bzw. „die Sünde“. Bereits das frühe
Christentum führte einen rücksichtslosen und mörderischen Krieg
gegen die antike Religion und Philosophie bzw. deren Vertreter*innen;
von den Kreuzzügen ganz zu schweigen. Die Moderne erfand weder den
Anspruch, die Welt nach ihrem Bilde zu gestalten, noch das
massenweise Töten für die „eine Wahrheit“. Es war die Religion.
Dass sich beides gut verträgt mit dem mörderischen Potential des in
der Krise ausrastenden bürgerlichen Subjekts, dessen konformistische
Rebellion notfalls über Leichen geht, um eine vermeintliche
„Normalität“ wiederherzustellen, erweist ein weiteres Mal die
Modernität der Religion.

Doch selbst in der gegenwärtigen Krisenzeit äußert sich
Religiosität bei weitem nicht nur rebellisch. Das Angebot, sich
leichter mit der herrschenden Realität abfinden zu können, weil sie
angeblich nicht die einzige ist, sondern durch ein imaginiertes
Jenseits erweitert wird, hat weiter Wirkmacht über Milliarden
von Menschen. Das gilt nicht nur für Länder wie etwa Polen,
Russland oder Pakistan, sondern auch dort, wo neuere Formen von
Religiosität wie die Esoterik besonders „in“ sind. Zwar hat auch
diese rebellisches Potential, wie sich besonders in jüngster Zeit
bei den so genannten Querdenker-Demonstrationen gezeigt hat. Doch ist
auch sie in erster Linie eine Form der Unterwerfung unter die
herrschenden Zustände, die sie mit ihrem Welterklärungs-, Wohlfühl-
und Geborgenheitsangebot des Abtauchens „in eine andere Realität“
erträglicher und akzeptabler macht. Religion ist wie geschaffen für
das Bedürfnis der modernen vereinzelten Einzelnen der
Warengesellschaft, die nach Halt in Kollektividentitäten streben.
Dass sie „der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer
herzlosen Welt … der Geist geistloser Zustände“ ist (Karl Marx,
Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1 S.378), gilt heute
genauso wie im 19. Jahrhundert. Das Defizit der Marx’schen
Religionskritik besteht nicht darin, das anzuprangern, sondern in der
Vernachlässigung des anderen, auflehnenden und rebellischen Gesichts
der Religion.

Dass aber Religionskritik sich nicht lange dabei aufhalten soll,
ob es „Gott gibt oder nicht“, sondern die gesellschaftlichen
Zustände aufs Korn nehmen muss, die religiöses Bedürfnis erst
hervorbringen, dass sie „die Kritik des Jammerthales, dessen
Heiligenschein die Religion ist“ (ebd. S. 379), sprich:
radikale Gesellschaftskritik sein muss, gilt heute ebenfalls wie im
19. Jahrhundert. Walter Benjamin hält den Kapitalismus selbst für
eine Religion und charakterisiert ihn als „nicht entsühnenden,
sondern verschuldenden Kultus“ (Walter Benjamin, GS 1991, Bd. VI,
S. 100 ff.). Dafür spricht, dass die undurchschaute abstrakte
Herrschaft des Werts den Menschen nicht nur – wie Gott – als
absolut gesetzt und nicht hinterfragbar erscheinen muss. Zudem haben
sie es bei ihr mit einer (weiteren) höheren Macht zu tun, der
sie endlos Tribut schulden und die daher prinzipiell niemals
zufriedenzustellen ist. Auch dass das Christentum mit seinem extremen
Schuldkult die Geschichte desjenigen Kontinents maßgeblich geformt
hat, der schließlich die kapitalistische Moderne gebar, macht diese
Annahme nicht unplausibler. Hat also Religion auch das geschafft, was
ihrem Zwillingsbruder Patriarchat gelang: weiterhin im alten Gewand
aufzutreten und sich gleichzeitig dem Warenfetisch anzuverwandeln?
Dann wäre statt von einem Religion-ismus der Moderne vielleicht
treffender von einem Modern-ismus der Religion zu sprechen.
Oder vom Kapitalismus als warenproduzierender Religion.
Vielleicht der schlimmsten Religion überhaupt, denn sie warf noch
das Letzte über Bord, was sie Menschen einmal zu bieten hatte: Ohne
jemals Erlösung in Aussicht zu stellen, verlangt sie nur noch Opfer
für die ihr ganz eigene höhere Macht des Kapitals. Und fordert
damit die Hinwendung zu irrationalen Angeboten und konformistischer
Rebellion der von ihr Verlassenen geradezu heraus.

4. Religion könnte den Kapitalismus überleben

Die Kontinuität, mit der sich die Religion durch die
Menschheitsgeschichte zieht, und die Hartnäckigkeit, mit der sie
bisher letztendlich noch allen Angriffen trotzt, ist nicht nur
menschengemachter Herrschaft geschuldet, sondern auch einer
Urerfahrung. Menschen sind auch anderen als gesellschaftlich
gewordenen „höheren Mächten“ ausgeliefert: den Naturgewalten
inklusive ihrer heftigsten, dem Tod. Diese Erfahrung weckt ideelle
wie lebenspraktische Bedürfnisse. Religion erfüllt sie. Ihr
doppeltes ideelles Angebot lautet: Die bittere Erkenntnis der
eigenen Sterblichkeit verarbeiten, im Idealfall gar die Angst vor dem
Tod überwinden können – und damit auch: das beruhigende Gefühl
von Geborgenheit und Schutz in einer undurchschauten und gefährlichen
Welt zu erlangen. Ihr doppeltes lebenspraktisches Angebot
lautet: Erklärung des Wirkens der „höheren Mächte“ – also
vermeintliches verstehen können, wie die Welt eingerichtet ist –
was allerdings auch damit verbunden ist, sich mit diesen „höheren
Mächten“ durch Akzeptanz und Unterwerfung zu arrangieren. Die
doppelte Botschaft ist attraktiv: Du musst nicht wirklich sterben, du
genießt den Schutz höherer Mächte und verstehst den Lauf der Welt.
Nicht zuletzt kann Unterwerfung ja auch Lust bereiten. Eine Lust, die
sich – zumindest in den monotheistischen Religionen – mit einer
ausgeprägten Sexualfeindlichkeit verquickt, die insbesondere Frauen
betrifft und auch in der modernen Gesellschaft weiterhin stark
präsent ist.

Zwar wird man im Rahmen eines gelingenden Prozesses menschlicher
Emanzipation darauf hoffen können, dass religiöse Bedürfnisse
zurückgehen. Aber nicht alle menschengemachten „höheren Mächte“
werden mir nichts, dir nichts zusammen mit der Warengesellschaft von
der Bildfläche verschwinden. Mindestens zwei Quellen werden die
Religiosität noch lange speisen: Zum einen wird es immer
Erkenntnislücken geben, in denen man prinzipiell einen Gott
unterbringen kann; zum andern ist die Antwort der Religion auf die
Frage nach dem Tod nun einmal deutlich sympathischer als jede
rationale. Auch in einer wesentlich besser eingerichteten
nachkapitalistischen Gesellschaft wird es Dinge geben, die Menschen
bedrücken, beunruhigen, beängstigen und bedrängen. Die Versuchung,
sich einer eingebildeten höheren Macht anzuvertrauen, und die
Hoffnung, damit Welterklärung, Geborgenheitsgefühl und Überwindung
der Todesangst zu erlangen, wird daher noch lange Nahrung finden. Ob
einen die Antwort überzeugen kann, die die Religion auf diese
Bedürfnisse gibt, ist letztlich eine individuelle Entscheidung. Dass
irgendwann auch der letzte Mensch nicht mehr in den Spiegel schauen
kann, solange er noch daran glaubt, ist hingegen aus heutiger Sicht
eine mutige These.

5. Gott und Wert sind keine Allesschlucker –
Emanzipatorisches ist nicht integrierbar

„Du sollst keinen anderen Gott haben neben mir.“ (2 Mose 20,3,
https://bibeltext.com/text/exodus/20.htm)
So tickt der biblische Gott. Und so tickt der Wert. Doch beide
konnten diesen Totalanspruch niemals restlos durchsetzen. Die Welt
war und ist nicht hermetisch abschließbar und lückenlos
beherrschbar. Macht und Herrschaft, Unterwerfung und
Selbstunterwerfung stießen immer wieder auf ein emanzipatorisches
Gegenpotential, das sie nicht integrieren konnten. Das ist vermutlich
schon lange so, mindestens für die letzten zweieinhalbtausend Jahre
ist es definitiv nachweisbar. Und mit Sicherheit wurde es von viel
mehr Menschen getragen als von den wenigen Prominenten, deren Namen
wir heute noch kennen. Bei aller Dominanz von Herrschaft –
Geschichte war nie eindimensional.

Es zieht sich auch ein emanzipatorischer Faden durch sie,
mal mehr, mal weniger sichtbar. Viele seiner Spuren wurden mit
buchstäblichem Feuereifer ausgelöscht, der sich oft an Schriften
und nicht selten auch an Menschen austobte. Doch wie dünn er
zeitweise auch war, der emanzipatorische Faden ist nie ganz
verschwunden. Übrigens ist er kein alleiniges Kind des „Westens“.
Die atheistische, materialistische und hedonistische altindische
Philosophenschule Charvaka verspottet schon im 3. Jahrhundert
v.u.Z. Priester und Religion und fordert Lebensgenuss im Hier und
Jetzt ein. Bereits die Autoren des Alten Testaments mussten sich mit
dem „hochnäsigen“ Gottlosen herumschlagen, der sich nicht so
recht vor dem Herrn fürchten mochte: „’Es gibt keinen Gott‘ –
dahin gehen alle seine Gedanken.“ (Psalm 10,4,
https://bibeltext.com/text/psalms/10.htm)
Seit der Antike kennen wir Stimmen, die sich nicht abfinden mit dem
Nichtglauben an die Fähigkeit des Menschen zur
Selbstbestimmung. Die Philosophen Demokrit, Epikur und Lukrez stehen
explizit für ein Gegenprogramm, das die Götter praktisch entsorgt
und die Selbstermächtigung der Menschen propagiert. Anders als
Platon und Aristoteles konnte die Kirche jene nie auch nur
ansatzweise in ihre Erzählung integrieren, und sie hat es
vernünftigerweise erst gar nicht versucht. Lukrez‘ (sein
vollständiger Name lautet: Titus Lucretius Carus) Wiederentdeckung
in der Renaissance (genauer: der Fund einer Ausgabe seines Hauptwerks
„De rerum natura“ im Jahr 1416 in einem Kloster, wo es die
Jahrhunderte überdauert hat) beflügelte Geister wie Poggio
Bracciolini, Desiderius Erasmus, Thomas Morus, Pierre Gassendi und
den Verfasser des „Theophrastus redivivus“, der ersten
umfassenden Religionskritik seit der Antike.

Natürlich steht
auch die Aufklärung für Religionskritik. Aber nicht nur dafür.
Einige ihrer Denker treiben die Kritik weiter und lösen sich –
anders als etwa Immanuel Kant – schon frühzeitig von der modernen
Rationalität des weißen Mannes. So kritisiert Georg Forster
explizit Kants Rassismus, Denis Diderot lässt kein gutes Haar an der
Sklaverei, Claude Adrien Helvétius verlangt schon Mitte des 18.
Jahrhunderts die Gleichstellung der Frau und auch Jean Mesliers
atheistisch-kommunistische Gesellschaftskritik passt in die Zeit.
(Siehe z.B. J.I. Israel: Radical Enlightenment: Philosophy and the
Making of Modernity 1650-1750, 2001 oder: ders. u. Martin Mulsow
(Hrsg): Radikalaufklärung, 2014) Niemand steht so sehr für radikale
Religions- und Kapitalismuskritik wie Karl Marx. Und auch er, der
über Demokrit und Epikur dissertierte (Karl Marx, Differenz der
demokritischen und epikureischen Naturphilosophie, MEW 40 –
Ergänzungsband, erster Teil -, S.256 ff.), spinnt den
emanzipatorischen Faden weiter, den andere begannen.

Und heute? Ist es das moderne Konkurrenzsubjekt, das sich für die
Seebrücke engagiert? Gegen AfD & Co? Für BlackLivesMatter und
MeToo? Zum Glück sind wir nicht allein von der abstrakten Herrschaft
des Werts und der Diktatur des Marktes geprägt. Denn aus einer
vollständig durchkapitalisierten Gesellschaft gäbe es kein
Entrinnen. Die Hoffnung auf Emanzipation kann sich überhaupt nur auf
das gründen, was nicht von Gott und Wert integriert und integrierbar
ist. Und um auch einmal nicht nur über Religionen zu lästern: Wenn
der Papst aufruft gegen Armut, Hunger und Elend – spricht da der
Ellenbogenegoismus des Warenverkäufers? Christen und Juden nennen es
Nächstenliebe, Muslime Barmherzigkeit. Zwar ist, wo eine „höhere
Macht“ gebraucht wird, um Humanität einzufordern, Emanzipation
nicht wirklich zuhause. Aber ihr matter Abglanz fällt sogar in
diesen Winkel.

Gott und der Wert wollen nichts außer sich dulden. Sie schaffen
es nicht. Zum Glück.